Welche ist die beste Tragehilfe für mein Baby?

Die Tragehilfe, welche in den verschiedenen Rankings ganz oben steht? Vermutlich nicht, denn selten werden bei Tragehilfenvergleichen alle Marken am Markt getestet, noch kann aus einem Ergebnis eine pauschale Aussage getroffen werden. Weiters bleibt die Frage: Welchen Background hat der Tester – schaut er auf Verkaufszahlen? Ist es eine Hobby-Tragemama/bezahlte Bloggerin mit viel, wenig oder überhaupt keiner Trageerfahrung bzw. Vergleichswerten, oder eine Trageberaterin mit entsprechendem Erfahrungs- und Theoriewissen? Wird der Autor vom Hersteller bezahlt oder nicht? Sollen in ersterem Fall dem Vertrag nach bestimmte, werbende Textbausteine vorkommen, oder werden Amazonbeschreibungen/Bewertungen kopiert und quasi nach Kaufkraft als gut bewertet? Werden Schadstoffbelastungen des Materials wichtiger oder geringer bewertet als  die Haltung beim Kind bzw. Preis-Leistung? Wird eine Passdauer der Trage nach Alter auf Gewicht bezogen (Hersteller-Garantie!) oder Alter auf Kleidergröße (realistische Nutzbarkeit) angegeben? All das kann Ergebnisse, ebenso wie Rezensionen, stark beeinflussen und auch verfälschen.

Also gleich vorab die traurige Realität: Leider gibt es die eierlegende Wollmilchsau unter den Tragehilfen nicht. Am Ende steht und fällt die Entscheidung ganz subjektiv mit der Statur von Träger und Tragling, den individuellen Bedürfnissen und Ansprüchen und natürlich dem Geldbeutel. Eine teurere Trage muss somit nicht zwingend als bequemer/passender empfunden werden (Stichwort Statur!), als eine günstige!

(Anmerkung: An dieser Stelle möchte ich euch aber auch nicht empfehlen, deswegen auf manche Amazon-Billigtrage aus China o.ä. zurückzugreifen, welche zwar für 20-30 Euro verspricht ein Schnäppchen zu sein, aber in punkto Material, Komfort und Schadstoffbelastung häufig eher eine herbe Enttäuschung ist. Wer also sparen möchte/muss, kann auch ohne Bedenken am Gebrauchtmarkt nach seinem Wunschmodell suchen, bzw. hat es manche tolle Tragehilfe auch neu knapp unter 100 Euro!)

Aber um auf das Thema allgemein zurückzukommen, unabhängig von den jeweiligen Konstruktionsdetails, auf welche ich in den kommenden Beiträgen noch genauer zurückkommen werde, worauf sollten wir bei einer Tragehilfe achten, um auf der sicheren Seite zu sein, was das Prädikat „empfehlenswert“ betrifft?

Kriterien einer guten Tragehilfe

1. Die Tragehilfe unterstützt die entwicklungsgerechte Haltung des Kindes

Die Tragehilfe unterstützt die Rundung der Wirbelsäule, welche sich erst langsam, parallel zur motorischen Entwicklung (vgl. „Meilensteine“ Kopf heben, freier Sitz, Laufen) von oben nach unten hin aufrichtet, um im Kleinkindalter in der doppelten S-Form zu kulminieren, welche wir von uns Erwachsenen kennen. Das Kind sitzt gut gestützt und aufrecht in der Tragehilfe. Wie im Tragetuch möchten wir auch in der Tragehilfe eine Anhock-Spreizhaltung erreichen, welche das Baby beim Hochheben automatisch reflexartig einnimmt. Eine Anhockung von 90 Grad, sowie eine Spreizung möglichst wenig über 90 Grad unterstützen die Hüftreifung und schonen Muskeln, Bänder etc..

Ein loses Herabhängen der Beine kann sich auf die Hüftentwicklung ungünstig auswirken.

2. Das Rückenpaneel aus festem „Tragetuchstoff“

Das Gewebe sollte den Rücken des Kindes wie eine zweite Haut fest umschließen, um ein seitliches Wegkippen oder ein in sich Zusammensacken (und damit verbundene eine Beeinträchtigung der Atemwege) zu vermeiden. Gleichzeitig muss das Gewebe ein Runden des kindlichen Rückens zulassen. Je älter und mobiler ein Baby wird, umso aufgerichteter ist im Wachzustand die Wirbelsäule. Die Rundung wird ab dann erst im Schlafzustand, wenn der Muskeltonus erschlafft,  erkennbar. In diesem Moment übernimmt das Tuch die Stützfunktion der Wirbelsäule wie auch Bandscheiben, weshalb einem straffen, satten Anlegen für den kindlichen Rücken wie auch die Atmung eine große Bedeutung zukommt. In der Regel doppellagig verarbeiteter Köper- bzw. Jaquardstoff (in Tragekreisen gerne als „Tragetuchstoff“ bezeichnet), gemustert oder als Meterware verarbeitet, ist dank seiner Diagonalelastizität qualitativ perfekt dazu geeignet, diese Aufgabe zu übernehmen.

Anhock-Spreiz-Haltung: Reflex beim Hochheben vs. Tragehilfe vs. Tragetuch (Wickelkreuztrage)

Rundrücken des Neugeborenen im Tragetuch.

Heutige Tragehilfen greifen teilweise auch gerne auf Baumwoll-Dekostoffe als äußerste Schicht (meist auf einer inneren Lage Köper-Meterware angebracht) zurück, aktuell gewinnt auch Leinen (in Leinwandbindung) wieder zunehmende Popularität, welche sich potentiell webbedingt durch eine etwas verringerte Elastizität auszeichnet, nicht aber unbedingt eine schlechtere Stützung/Rundung mit sich bringt.

Vermieden werden sollten nichtsdestotrotz Konstruktionen, welche nicht individuell ans Kind angepasst werden können bzw. sehr steif sind, oder sehr stark durch z.B. zahlreiche Abnäher strukturiert sind oder das Kind durch z.B. starke Polsterung in eine vorgegebene Form pressen (sprich die kindliche Rundung nicht zulassen). In diesem Kontext sollten auch Neugeboreneneinsätze vermieden werden.

3. Die Kopfstütze lässt sich variabel anpassen.

Die Kopfstütze muss den Kopf des Kindes stützen, wenn dieses nicht in der Lage ist, den Kopf selbst aufrecht zu halten, z.B. wenn es schläft. Verschiedene Möglichkeiten der Verstellung, wie z.B. Raffung, wirken sich hier positiv aus. Bei der Benutzung der Kopfstütze dürfen die freien Atemwege nicht eingeschränkt werden, d.h. sollte mit Bedacht, und nicht als „Komplettverdunkelung“ eingesetzt werden. Auch sollte eine Kopfstütze so konstruiert sein und angewendet werden, dass der Zug im Nacken nur Babys Kopf stützt, nicht aber mit Gewalt an die Brust es Trägers presst!

4. Der Steg ist stufenlos verstellbar

Je nach Konstruktion des Hüftgurts bzw. des Rückenpaneels kann es passieren, dass ein Kind bei einem auf eine Fixgröße genormten Steg in eine unphysiologische Haltung gezwängt wird, welche der gesunden Hüftentwicklung hinderlich sein kann: entweder, bei zu schmalem Stegmaximum hängen die Beine komplett haltlos abwärts, oder, bei zu breitem Steg werden sie überspreizt bzw. in den Unterschenkeln gestreckt, ähnlich einem Spagat.

Um eine individuelle Anpassung ans Kind zu ermöglichen, sollte der Steg daher im Optimalfall, statt mit einer – oder sehr wenigen – Fixbreiten („Stufen“) auszukommen, durch Kordel/Klett/Bänder immer individuell und quasi millimetergenau auf ein Baby einstellbar sein. (vgl. auch Fotos bei Punkt 1). Der Steg reicht dabei von Kniekehle zu Kniekehle und verteilt Babys Gewicht ideal.

Verschiedene, exemplarische, Lösungen zur stufenlosen Verstellung des Stegs: Klett, Kordel, Knöpfe, Snaps, Schieber.

5. Entwicklungsorientierte Befestigung der Träger

Durch eine Befestigung der Träger im Rückenpaneel (bei Fullbuckle-Tragen) gelangt Zug auf den kindlichen Rücken, welcher es je nach Tragehilfe weniger oder mehr aufrichtet und dadurch auch die Spreizung beeinflusst. Um die noch im Prozess der Aufrichtung befindliche Wirbelsäule nicht in eine vom Kind bis ca. Sitzalter (noch) zu gerade gedrückte Position zu pressen, sollten die Träger im Optimalfall am Hüftgurt befestigt werden. 

Wieviel Zug auf den Babyrücken einwirkt, hängt auch mit dem Befestigungswinkel am Paneel zusammen – je

Anhock-Spreiz-Haltung: Reflex beim Hochheben vs. Tragehilfe vs. Tragetuch (Wickelkreuztrage)

steiler die Träger am Paneel angenäht sind, umso besser wird der zusätzliche Zug nach unten hin abgeleitet. Daher: bei dieser Empfehlung handelt es sich um eine entwicklungsorientierte Empfehlung. In der Praxis darf und muss aber auch der bedürfnisorientierte sowie individuelle Aspekt in die Entscheidung für oder gegen eine Tragehilfe im Blick behalten werden!

6. Die Tragehilfe enthält keine Schadstoffe im Gewebe 

Heutige europäische Tragehilfenhersteller setzen in den meisten Fällen auf die Verwendung von unbedenklichen Materialien. Kontrolliert biologischer Anbau (kbA), Öko-tex Standard 100-Zertifikate, Global Organic Textile Standard (GOTS) u.ä. sind in unseren Breitengraden eher die Norm, denn Ausnahme. Wichtig wäre auch, dass die Farben speichelfest und dass das Gewebe möglichst kunstfaserfrei ist.

Könnt ihr bei eurer, sich in der engeren Auswahl befindlichen, Tragehilfe bei allen bis jetzt genannten Kriterien mit „Ja“ antworten, habt ihr zweifellos ein exzellentes Produkt in der Hand: ABER ohne es einmal anprobiert zu haben, kann es immer noch ein individueller Flop sein. Denn der wichtigste Punkt bei der Entscheidung für oder gegen eine Tragehilfe kommt zuletzt:

7. Die Tragehilfe ist Träger und Tragling bequem.

Die Konstruktion der Tragehilfe sollte das Gewicht auch über längere Zeit hinweg angenehm und gleichmäßig auf Schultern und Hüfte verteilen. Die Träger bzw. der Gurt sollten dabei nicht unangenehm drücken oder einschneiden (Obacht v.a. bei stillenden Müttern: Riemen, welche über die Brüste verlaufen, z.B. bei Trägerenden im Rückenpaneel, könnten beim Bauchtragen potentiell einen Milchstau hervorrufen!). Durch die optimal an die Statur des Träger anpassbare Tragehilfe wird dieser in seiner Haltung unterstützt und Ausgleichhaltungen/Fehlhaltungen vorgebeugt. Auch sollte die Bedienung der Schnallen, Riemen, Bänder, Tuchträger der Beweglichkeit und Statur des Trägers entgegenkommen – was hilft mir z.B. der beste Fullbuckle, wenn ich ohne eine zweite Person einfach nicht an den Gurt zum Festziehen komme? Oder wenn ich nach zwanzig Minuten laufen damit Rückenschmerzen bekomme?

Zugleich muss auch die Trage zum Baby passen: Manche Babys reagieren auf die eine oder andere Konstruktion sensibel. Je nach Statur könnte ein Baby auch zu wenig gestützt darin sitzen, oder falls eine Hüfttherapie notwendig ist, die Wunschtrage einfach nicht passend erscheinen u.a.. Es macht daher Sinn eine Trage immer MIT Baby zu testen, statt blind (vor der Geburt) zu kaufen.

Daher: bei aller Perfektion, nach welcher wir bei der Auswahl der „besten Trage“, auch im Zuge einer Trageberatung, streben, darf und sollte nicht der Blick auf die familiären und individuellen Erwartungen, Bedürfnisse und Möglichkeiten in Vergessenheit geraten!

Tipp: Vor jedem Kauf sollte eine Trage, am Besten über mehrere Stunden hinweg, getestet werden, um sicher sein zu können, dass die Wunschtrage auch wirklich zu Träger und Kind passt!

Kontakt

Ardetzenbergstr. 26

6800 Feldkirch

info@tragend-begleitet.at

+43 (0)699/18 18 85 27

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