Vor wenigen Wochen erschien ein neuer Elternratgeber am Buchmarkt, verfasst von den bekannten Autorinnen Anja Constanze Gaca (z.B. Breifrei-Buchserie) wie auch Susanne Mierau (z.B. „Ich! Will! Aber! Nicht!„, Geborgen Wachsen).

Bei der Zusammenarbeit der beiden bekannten deutschsprachigen Autorinnen geht es diesmal ums Thema „Mein Schreibaby verstehen und begleiten“, welches sich mit einem bedürfnisorientierten Umgang mit High-Need-Babys einsetzt.

Schreibaby, High-Need-Baby, 24-Stunden-Baby, bedürfnisstarkes Baby – alles umschreibt primär eine Tatsache: Eltern, welche an ihre persönlichen Grenzen kommen. Durch oftmals wenig Schlaf, viel Schreien, kaum Auszeiten völlig ausgelaugt um noch entspannt und dem Kind bedürfnisorientiert zugewandt agieren zu kommen, müssen sie zugleich mit Schuldgefühlen, Stigmata und Anfeindungen durch ihr Umfeld auseinandersetzen, aber auch durch die Situation bedingte soziale Isolation zurechtkommen. Schreiambulanzen aber auch Ratgeber zum Thema beachten oft nur das Symptom schreien, sehen aber die Eltern dahinter nicht. Viele Lösungsansätze, welche dort vorgeschlagen werden, sind auch – sofern nicht bereits eine Akutsituation eintrat – teils kritisch zu betrachten, da oft bindungshinderlich. Oder das Umfeld sucht alleine die Schuld bei den Eltern oder bagatellisiert die Problematik – ganz nach der Vorstellung „entspannte Mutter – entspanntes Baby“. Meist ist die Situation zu komplex, Patentrezepte helfen selten, weshalb mit Schreibaby ein Blick auf alle in der Situation gefangenen Personen enorm wichtig ist! Denn heute wird ein „Schreibaby“ nicht mehr nach der „Dreierregel“ (Schreien über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden pro Tag) definiert, sondern es wird „das Ausmaß der Beeinträchtigung der Eltern als Grundlage für Behandlungsbedürftigkeit angesehen“ (S. 30)

Über die Autorinnen des Buchs „Mein Schreibaby verstehen und begleiten“:

Anja Constanze Gaca, geb. 1975, ist Hebamme, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und gibt Beikostkurse für Eltern. Sie hat ihre Weiterbildung zur Krisenbegleiterin für Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen bei Paula Diederichs („SchreiBabyAmbulanz“ gemacht“. Als Mutter vierer breifrei aufgewachsenen Kindern schreibt sie auf dem Blog „von guten Eltern“.

Susanne Mierau kennen viele als Bloggerin von „Geborgen Wachsen“. Als 1980 geborene, in Deutschland lebende, Mutter dreier Kinder zwischen acht und zwei Jahren, hat sie selbst Erfahrung mit „High Need“. Sie hat sie an der Freien Universität Berlin Kleinkindpädagogik studiert. Bereits während des Studiums lag ihr Schwerpunkt im Bereich Elternbildung und –beratung. Nach dem Studium hat sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Kleinkindpädagogik gearbeitet und zum Thema „Elternberatung“ unterrichtet. Seit 2009 ist sie selbständig als GfG-Geburtsvorbereiterin und Gfg Familienbegleiterin und Heilpraktikerin, 2012 eröffnete sie ihre Praxis in Berlin-Tiergarten, hält zahlreiche Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über Elternberatung und kindliche Entwicklung. Sie hat eine Weiterbildung zur Traumatherapeutin absolviert. Auf ihrem Blog schreibt sie über geborgenes Aufwachsen, Elternschaft und einen achtsamen Lebensweg.

Zum Buchinhalt von „Mein Schreibaby verstehen und begleiten“:

Bereits im Klappenumschlag merkt man den Unterschied zu anderen Schreibaby Ratgebern: Dieses Buch ist 100% bedürfnisorientiert. Sofort springen den Leser die beiden Säulen des Buchs an, welche sich als roter Faden durchs gesamte Buch ziehen werden:

  • Der Blick aufs Baby: Das BEOBACHTEN seiner Signale, um seine Bedürfnisse zu erkennen bzw. Ursachen für das Schreien auszumachen. Darauf aufbauend das VERSTEHEN dieser Zeichen. Denn je eher wir eingreifen, sprich HANDELN und das Bedürfnis erfüllen, umso entspannter können wir in Beziehung mit unserem Kind treten.
  • Dem gegenüber steht die Selbstverantwortung der Eltern, auch auf ihre Bedürfnisse zu achten und sich am Weg nicht zu verlieren. SELBSTBEJAHUNG, ENTSPANNUNG und UNTERSTÜTZUNG von außen, tut uns gut und hilft, leere Akkus auch in grenzwertigen Zeiten wieder aufzuladen.

Um aber unser Baby zu verstehen braucht es einige theoretische Hintergrundinformationen zum Thema Bedürfnisse und Schreien: Neben pränatalen Faktoren wie z.B. Stress. Entbindungsmodus (Trauma, Gebärmutterheimweh), spielt an dieser Stelle auch viel Temperament hinein. Gemeinsam haben sie alle aber Verhaltenszustände von wacher Aufmerksamkeit bis hin zum Quengeln, Schreien und Schlafen. Je mehr ein Baby sich in Rage schreit, weil es sich nicht alleine zu regulieren vermag, umso schwerer sind seine Bedürfnisse zu deuten – jede Stillmama hat wohl in den ersten Lebenswochen z.B. gemerkt, um wieviel einfacher es ist, ein erst schmatzendes Baby im Vergleich zum bereits brüllenden Baby an die Brust zu nehmen! Oft bleibt es aber mangels Vorbilder in unserer Umwelt beim Weinen aber beim Beobachten und Handeln – das Verstehen geht häufig unter, wodurch unsere gut gemeinte Hilfe beim Baby nicht die erhoffte beruhigende Reaktion erbringt. Oder aber die Hilfe bringende, versuchte Aktionen wie Dauer-Stillen, Tragen, Co-Sleeping wird als „Verwöhnen“ ins Negative gezogen und so vielleicht wider dem elterlichen Bauchgefühl und Babys Bedürfnisse agiert, dabei bräuchte unser Baby zum Erlernen der Selbstregulation so dringend unsere Fremdregulation.

Im zweiten Abschnitt steht die Praxis im Mittelpunkt: Schreien ist nicht gleich Schreien. Für Eltern von Schreibabys bzw. sehr bedürfnisstarken Kindern kann eine medizinische Diagnose eine große Erleichterung darstellen – Ursachen kann man gezielt angehen bzw. man ist dann mit dem Problem nicht mehr alleine, während man bei einem scheinbar „grundlos“ weinendem Baby nur im Dunkeln tappen und hoffen kann, etwas zu finden, hilft. Eine medizinische Abklärung bei einem Kinderarzt, der einen ernst nimmt, kann daher Sinn machen. Die Ursachen für exzessives Schreien sind vielfältig: von Schmerzen und körperlichen Ursachen (z.B. Unverträglichkeiten, Krankheit, Blockaden, Gedeihproblematik), über ein sensibles Temperament (Hochsensibilität), eine schwere Geburt (z.B. Komplikationen, Trennung nach der Geburt, Frühchen) oder eine fehlende Hülle (z.B. fehlende Begrenzung) hat es vielfältige Faktoren. Liebevolle Zuwendung bleibt nebst Arztkontrollen, Hebamme, Osteopath, Stillberatung, Haushaltshilfe, Schreiambulanz uvm. jedoch die wichtigste Säule, um dem Baby zu helfen. Die Autorinnen gehen auf alle potentiellen Ursachen kurz ein, beschreiben mögliche Lösungsansätze um die Situation zu bessern, aber noch wichtiger: wo sich Eltern gezielt für ihr Kind und ihre Situation Hilfe suchen können, um nicht alleine zu sein! Manchmal ist Weinen aber auch nicht medizinisch behandelbar, sondern eine empathische Begleitung der Tränen dabei die eigentliche „Heilung“.

Wie bereits eingangs erwähnt ist aber nicht nur das Baby und seine Bedürfnisse ein wichtiger Faktor im Buch, sondern auch die Eltern. Stolpersteine für die Paarbeziehung im Leben mit Baby  aber auch die Gefühle der Eltern werden aufgegriffen. Mich berührte am meisten der Abschnitt über den Anspruch, gute Eltern zu sein und dass es wichtiger ist, dass es UNS als Elter wieder gut geht, damit wir dem Kind helfen können. Nicht, dass das Baby hier immer an erster Stelle kommt – ein häufiger Fehler vieler Mütter, welche eher im Burn Out enden, anstatt sich eine wirkliche Auszeit zu gönnen oder ihre Überlastung deutlich zu kommunizieren. In diesen Momenten kann nicht nur ein familiäres Netz Unterstützung bieten, sondern es kann auch mental helfen, sich bewusst schöne Momente in den Kopf zu rufen – Stärken des Babys zu suchen, statt nur im Negativem verhaftet zu sein. Auch Entspannungsstrategien, derer das Buch einige nennt, können kurzzeitige Entlastung im Alltag bieten.

Der dritte und letzte Abschnitt dreht sich ums HANDELN, sprich die Praxis. In Alterblöcken von je 3 Monaten im ersten Lebensjahr werden Anregungen und Beruhigungsstrategien im Sinne eine inividuellen Baukasten geboten, mit welchem nach einer groben Eingrenzung der Ursachen fürs Schreien, versucht werden kann, dem Baby zu helfen. Die Ideen, z.B. Tragen, Babymassage, Elefantenschritte, Pucken, Lagerung nach den kinaesthetischen Prinzipien, Saugen, Wärme, Wiegen, Windelfrei u.a. sind per se nicht neu, aber zum Nachschlagen bieten sie in der Akutsituation sicher wertvollen Input, wenn man vor lauter innerer Anspannung nicht einmal mehr Nachdenken kann.

Abschließend erhalten Eltern im Anhang noch eine umfangreiche Liste mit Büchern und hilfreichen Kontaktadressen zum Thema, um bei Bedarf einen Ansprechpartner für ihre Problematik direkt an der Hand zu haben.

Das Buch liest sich sehr angenehm und leicht, auch in der Sprachwahl. Man muss nicht alles auf einmal lesen, sondern kann das Buch auch wunderbar als Nachschlagewerk im Bedarfsfall hernehmen. Farbig vom Fließtext abgesetzte Info-Boxen geben hilfreiche Tipps und zusätzliche, wertvolle Erklärungen, und Ressourcen, wie auch so manche Checkliste, u.a. auch ein Beobachtungsprotokoll zu Babys Alltag und Weinen, um potentielle Ursachen ausmachen zu können.

Mein Fazit zum Buch „Mein Schreibaby verstehen und begleiten“

Das schönste am Buch? Es ist egal, ob man Mutter eines eher entspannten Babys, welches in den erste Lebensmonaten einfach unruhiger ist, oder ein sehr bedürfnisstarkes Kind hat: Die im Buch präsentierten zwei Eckpfeiler stärken jede Familie, weshalb das Buch sich für alle Eltern eignet, nicht nur für von der Situation „Schreibaby“ akut betroffene Familien! Die Strategien und Tipps sind alle bedürfnis- und beziehungsorientiert, und können bei jeder Art des Weinens und Unruhe als individuelle Bausteine genutzt werden, z.b. auch während der „Drei Monats-Koliken“. Zugleich bestärkt das Buch betroffene Eltern darin, sich nicht dafür zu schämen, Hilfe zu suchen und auch anzunehmen.

Inhaltlich fehlte mir als einzige Hilfestellung noch mehr ein Fokus auf die verbalen und nonverbalen Signalen (z.B. frühen Hungerzeichen) eines Babys, sowie ein Exkurs in die Dunstan Baby Language (Buchtipp: „Calm the Crying“), da hier nochmal wertvolle Hilfestellungen zur Entschlüsselung von Babys sprachlichen Signalen ergänzend geboten wird. Denn viele Schreimomente im lltag können sich schon durch ein feinfühliges rechtzeitiges Verstehen und Handeln vermeiden lassen, hier bleibt mir das Buch – auch in Hinblick auf den Leserkreis des Verlags – vielleicht noch etwas zu oberflächlich in der Theorie verhaftet.

Ob das Buch im Akutfall ausreicht, sprich ob eine Schreibaby-Mutter im Extremfall noch einen Kopf zum Lesen hat ist fraglich und dazu fehlt mir persönlich auch die Erfahrung, aber allein, dass dieses Buch existiert und durch den GU Verlag eine breite Masse an Müttern und Vätern erreichen kann, welche vielleicht nicht unbedingt vorrangig bedürfnisorientiert erzieht, ist eine enorme Bereicherung und Ressourcensammlung, um Babys Bedürfnisse –  rund ums Weinen verstehen zu lernen und Entspannung in von vielem Weinen angespannte Familiensituationen zu bringen. Wird Weinen ja bis heute speziell von der älteren Generation bereits beim kleinen Baby als Manipulation, Trotzen und Terrorisieren gewertet und so junge Mütter durch falsche Ratschläge davon abgehalten, bedürfnisorientiert und auf ihr Bauchgefühl hörend zu handeln.

Für mich gehört das Buch auf alle Fälle zu den empfehlenswerten Must-Have-Büchern für Erstlingsmamas sowie in die Bibliotheken von ElternKindkursleiterinnen/Stillgruppen!

Details zum Buch:
Anja Constance Gaca, Susanne Mierau: "Mein Schreibaby     verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need- Babys"

ISBN/EAN: 978-3-8338-6558-9 
Sprache: Deutsch 
Umfang: Kartoniert, mit Klappenumschlag, 128 Seiten, 16,4 x 1,5 x 20 cm, mit 60 bunten Abbildungen
Preis: € 14,99 (D), € 15,50 (A) 
Erschienen am 10. April 2018 im Gräfe & Unzer Verlag.

Das Buch wurde mir vom GU Verlag freundlicherweise für die Rezension kostenlos zur Verfügung gestellt.

Cover „Mein Schreibaby verstehen und begleiten. (C) GU Verlag

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