Im Oktober 2017 erschien im Köselverlag von Loretta Stern, bekannt vorallem durch ihr beliebtes „Einmal Breifrei, bitte“-Buch bzw. „Breifrei“-Kochbuch, ein neues Baby Led Weaning Buch am Markt: „Breifrei! Das Veggie-Kochbuch“. Natürlich habe ich auch ihre bisherigen Bücher lesen dürfen, gebe aber zu, dass sie mich nie zu 100% überzeugen konnten. Beim Lesen mancher ihrer Aussagen hatte ich einfach nie nie den Beigeschmack verdrängen können, dass sie als Autorin einfach auf den „Trend BLW“ aufgesprungen ist, um daran Geld zu verdienen. Und weil es eben in der Seele nicht 100% BLW ist, nennen wir es eben „Breifrei“.

Dass Baby Led Weaning mehr eine pädagogische Haltung, ein Bild vom kompetenten Kind ist, und nicht nur hie und da als Breiergänzung Fingerfood geben, (Loretta Stern schreibt in „Einmal Breifrei“ sie nähmen es nicht so „streng“ wie Gill Rapley), fehlte mir bei ihrer Präsentation immer wieder zwischen den Zeilen und führte wohl auch zur verwaschenen Definition von Baby Led Weaning in den letzten Monaten und Jahren in Mütterforen. Ich konnte ihr bei ihren Erfahrungsschilderungen eine echte Selbstbestimmtheit (in Hinblick auf Sättigung, aber auch beim Abstillen) des Kindes leider einfach nicht abkaufen, wenngleich ich über ihren Zugang bzw. Bedürfnisse in der Situation nicht urteilen kann.

Als nun im Spätsommer von Edith Gätjen ein Buch zur veganen Beikost erschien, war ich von dem fachlich fundierten Ansatz wirklich begeistert, weil auch gut recherchiert und auch das Zielpublikum vorrangig Fachpersonal bzw. Eltern mit einschlägigem Grundwissen darstellte. Auch von der Formulierung schien unwahrscheinlich, dass es „in falsche Hände“ geraten könnte, und eine Klarstellung, welche Risiken eine vegane Ernährung auch mit sich führte, wurde deutlich forciert.

Als ich dann von Loretta Stern den neuen Buchtitel sah, war ich noch entspannt: „Veggie“. Wohl vegetarisch? Das klingt spannend, immerhin kommt Gemüse / Getreide neben Fleisch und Co ohnehin in unserem omnivoren Familienalltag immer zu kurz! Vom Cover her würde wohl auch niemand von etwas anderem ausgehen. Am Klappentext: „Eltern die gerne auf tierische Produkte verzichten … pflanzenbasierte Nahrungseinführung … rein pflanzliche Rezepte“. Okay, ein veganer Koch, aber es kann ja trotzdem eine Kombination sein? Liest sich auch noch nicht völlig vegan?

Zu den Autorinnen Loretta Stern & Anja C. Gaca:

Loretta Stern, (eigtl. Andrea Steinitz) geb. 1974, ist eine deutsche Schauspielerin, Sängerin und Fernsehmoderatorin. Ihre Breifrei-Erfahrungen mit ihrer Tochter Karline inspirierten sie zum Schreiben des Buchs.

Anja Constanze Gaca, geb. 1975, ist Hebamme, Still- und Laktationsberaterin IBCLC und gibt Beikostkurse für Eltern. Als Mutter dreier breifrei aufgewachsenen Kindern schreibt sie auf dem Blog „von guten Eltern“

Björn Moschinski wurde mit 14 Vegetarier, ein Jahr später Veganer. Als ehemaliger Chefkoch in mehreren renommierten veganen Lokalen schreibt er heute Bücher und gibt Schulungen zur veganen Küche für Köche.

Zum Breifrei Veggie-Kochbuch:

Optisch sieht das quadratische Paperback-Buch (im Format ident wie das Breifrei-Kochbuch) ja mal ansprechend aus – ein strahlender Wonneproppen mit Karotte in der Hand verleitet sicher zum zumindest darin blättern – wer wünscht sich kein Gemüse liebendes Baby?! Der zweispaltig angeordnete Fließtext ist in einem bräunlich-rotpinkem Farbschema gehalten und wird von zahlreichen farbigen Bildern, wie auch „Memo-Zetteln“ aufgelockert. Dieses Layout zieht sich in einer Linie durch alle Breifrei-Bücher von Loretta Stern hindurch.

Als ich dann zu Lesen begann, schlich sich aber wieder dieses Gefühl ein, dass die Autorin einmal mehr einem neuen Trend nachrennen musste, um Geld zu verdienen: VEGANER Ernährungsweise. Vom vegetarischen Ansatz, welcher vom Verlag erwähnt worden war, fand ich nicht mehr viel, dafür wird immer wieder Edith Gätjens Buch referenziert (und auch als lesenswerte Lektüre empfohlen, doch ich bezweifle, dass die Mütter das in der Realität auch machen!) und Edith Gätjens Co-Autor Dr. Markus Keller darf in einem Interview einige wichtige Eckdaten zur veganen Ernährung beisteuern.

Vorab: ich habe nichts gegen Veganer, finde auch die Ernährungsweise persönlich sehr spannend. ABER: eine vegane Ernährung gehört geplant. Und zwar bis ins kleinste Detail, inklusive entsprechender Supplementation. Sie ist bei Erwachsenen schon nicht ohne, bei Babys kann aber eine unsachgemäße Umsetzung und/oder fehlende Supplementation zu gravierenden Mängeln (z.B. Vit. B12 wirkt auf die Gehirnentwicklung!) führen. Und wo Baby Led Weaning bereits ein basales Verständnis für kritische Nährstoffe (Eisen, Zink, B12 etc.) voraussetzt, gilt dies noch mehr für Baby Led Weaning in Kombination mit einer veganen Ernährung!

Zwar weisen die Autorinnen im Vorwort auf die Wichtigkeit hin, auch den Theorieteil, nicht nur die Rezepte, zu lesen, doch Hand aufs Herz: Wieviele von uns lesen ein Vorwort mit wirklicher Aufmerksamkeit durch?

Nun erstreckt sich der Theorieteil auf 26 Seiten, ca. 22 Seiten, wenn ich den Platzbedarf der Bilder abziehe. Etwa 3/4 der Seiten geben allgemeine, grundlegende Informationen zur breifreien Beikost: Beikostreifezeichen, Zubereitungshinweise, verbotene Lebensmittel, hilfreiches Equipment, Verschlucken etc.. Fazit: für eine EINFÜHRUNG zur Ernährung an sich, denn mehr geht in der Kürze wirklich nicht, bleiben vielleicht knappe 15 Seiten. Abzüglich der hier inkludierten organisatorischen Punkte wie Einkaufsliste für die Vorratshaltung, bleibt etwa die Hälfte, sprich ca. 7,8 Seiten für wichtige rein vegane Hardfacts über. Sehr wenig, um hierauf eine ausgewogene vegane Ernährung aufbauen zu können.

Ja, die Autoren verweisen brav auf Ernährungsberater und zahlreiche Webseiten, aber ich habe meine Zweifel, dass die Informationen bei den Müttern ihrer Zielgruppe auch wirklich ankommen oder genutzt wird – denn selbst in einer Zeit der digitalen Abrufbarkeit von Wissen wird dies von vielen selbst für basale Informationen, wie z.B. offizielle Beikostempfehlungen, nicht wahrgenommen.

Breifrei ist nunmal modern. Vegeterier sein ist modern, Vegan ist jedoch hipper. Und: Loretta Stern/Anja C. Gaca ihre Leserinnen/Zielgruppe sind nicht unbedingt einschlägig ernährungsgeschulte Familien, sondern die normalen Mamas von Nebenan, welche daheim immer Schnitzel und Co für den Papa kochten, aber vielleicht dank veganer Produkte im Supermarkt oder (immer häufiger, gerade in BLW-Kreisen) Facebook-Gruppen auf die vegane Ernährung gestoßen sind, oder es vielleicht einfach cool finden, künftig auf Fleisch zu verzichten. Gegen eine ovolaktisch-vegetarische Ernährung spricht auch für ein Baby ansich nichts, aber: die in BLW, vielleicht auch prinzipiell ausgewogener Ernährung neue Mama lässt nach ein paar Facebook-Beiträgen Recherche in veganen Kreisen auch alle weiteren tierischen Produkte (angeregt durch den „Kuhmilch ist böse“-Trend vielleicht auch zusätzlich alle Milch-Produkte fürs Baby) fort. Vielleicht liest sie den eher kleinen Hinweis auf Supplemente im Buch, potentiell aber überliest sie es oder lässt die Supplementation aus (fragwürdigen) ethischen Gründen fort. Ernährungsberatung? „Ich biete ja ohnehin viel gesundes Obst und Gemüse in Sticks an!“ Und der Teufelskreis auf Kosten von Babys Entwicklung (z.B. Gehirnentwicklung!) nimmt seinen Lauf.

Ich sehe die Hauptgefahr hier somit stark in der von Loretta Stern eher verharmlosenden Formulierung / Vermarktung einer „Trend“-Ernährungsweise, welche aus guten Gründen von offizieller Seite nicht für die Säuglings- / Kleinkindernährung empfohlen wird (auch wenn es vielleicht nicht mehr komplett als „unmöglich“ abgelehnt wird!) und welche wenn nur nach einer umfassenden Ernährungsberatung inklusive Supplementation erfolgen sollte. Wer nur vegan des Trends wegen ist und/oder sein Baby nicht supplementieren möchte oder kein Interesse an einer konkreten Ernährungsberatung hat, sollte seinem Baby daher unbedingt eine ovolaktisch-vegetarisch, wenn nicht gar normale Vollwert-Ernährung zugestehen.

Die Rezepte des Breifrei! Veggie-Kochbuch:

Mit Björn Moschinski haben sich die Autorinnen einen veganen Szenekoch an Bord geholt. Die 80 Rezepte klingen auch wirklich lecker und machen anhand der ganzseitigen, bunten Bilder Lust auf Essen. Von Frühstücksideen, über Smoothies, Aufstriche, Dips, Snacks, Suppen, Soßen, Hauptgerichte und süße Speisen (teils mit Kokosblütenzucker gesüßt!) ist alles dabei und die Ideen unterscheiden sich hier nicht wirklich von einem Erwachsenen-Kochbuch zur veganen Küche. Aber: Irgendwie vergeht mir die Kochfreude, wenn kaum ein Rezept unter 8-10 Zutaten und gerne auch mal die doppelte Anzahl, benötigt. Ein guter Teil der Zutaten ist auch nur bedingt im normalen, besser sortierten, Supermarkt erhältlich, kurzum, ein Abstecher in den Naturkostladen wäre kaum vermeidbar. Und  mir persönlich fehlt auch bei den Rezepten eine orientative Zeitangabe, um im Alltag mit Baby ggf. den Kochbedarf gut planen zu können.

Die Rezepte selbst sind allerdings ausreichend beschrieben, um sie problemlos umsetzen zu können. Hie und da werden noch Tipps zur Gestaltungsvariation gegeben. Mir persönlich waren sie oft eher zu umständlich/umfangreich, um sie als „schnelle Küche“ in den Alltag mit Baby bzw. mehreren Kindern integrieren zu können. Aber für Wochenends mit greifbarem Vater wäre es durchaus einmal zum Testen vorstellbar.

Mein Fazit zum Breifrei! Veggie-Kochbuch:

Auch wenn das Buch von der Grundidee her nett aufbereitet ist, fehlt mir im „Breifrei! Veggie-Kochbuch“ für eine praktische Umsetzung die für vegane Ernährung nötige Tiefe – hier bietet unzweifelhaft Edith Gätjen einen wertvolleren wissenschaftlichen Ansatz, und wird nicht grundlos auch im Veggie-Kochbuch als „Fixliteratur“ empfohlen.

Einerseits birgt diese Oberflächlichkeit in dem vorliegenden Buch die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder ohne ausreichend Hintergrundwissen und ohne weitere Recherche vegan ernähren „weil es ja laut Buch auch von offizieller Seite geht“, mit allen möglichen negativen Folgen für Babys Entwicklung; zugleich wiederum besteht der Vorteil, dass Trend-VeganerInnen ohne Willen zu tieferer Beschäftigung mit dem Thema dank von der im Buch gestellten Aufgabe, sich mehr Sachwissen anzueignen von der Idee einer reinen veganen Säuglingsernährung wahrscheinlich schnell wieder abkommen. Auch die eher umständlich umsetzbaren Rezepte werden wohl nicht unbedingt täglich am Tisch landen.

Für mich persönlich ist das Veggie-Kochbuch daher dank kreativer veganer Rezeptideen vorrangig ein Anreiz um gewohnte Vollwert-Gerichte vielleicht hie und da einmal am Wochenende  zu variieren, oder den häufigen Fleischkonsum am Familientisch etwas zu reduzieren, oder mal einen veganen babytauglichen Kuchen zur Kaffeejause mit veganen Freunden zu kredenzen, aber absolut keine Grundlage, um mein Baby komplett vegan zu ernähren! Hier wäre das BLW-Grundlagenbuch kombiniert mit Edith Gätjens Werk eine besserer und direkterer Start für den Beginn (!) der thematischen Auseinandersetzung.

Ob man das Breifrei! Veggie-Kochbuch nun zu seinem Baby Led Weaning-Buchsortiment hinzufügt, bleibt jedem selber überlassen. Ein MustHave ist es in meinen Augen keineswegs – da gefällt mir das klassische Breifrei-Kochbuch an Rezeptideen für die ganze Familie deutlich besser!

Breifrei! Das Veggie-Kochbuch

Cover – Breifrei! Das Veggie-Kochbuch (c) Kösel Verlag

Details zum Buch: 

Loretta Stern, Anja C.Gaca, Björn Moschinski "Breifrei! Das Veggie-Kochbuch. 80 Rezepte, lecker & gesund, 100% pflanzlich"
ISBN/EAN: 978-3-466-31090-6  (auch erhältlich als E-book) 
Sprache: Deutsch 
Umfang: Paperback, Pappband, 144 Seiten, 17,3 x 22,0 cm, 50 farbige Abbildungen
Preis: € 16,99 (D), € 17,50 (A)
Erschienen am 23.Oktober 2017 im Kösel Verlag

(Das Buch wurde mir vom Kösel Verlag freundlicherweise für die Rezension zur Verfügung gestellt.)

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