Sirko Galz Handwoven Midwinter's Silence

Flatshot des Midwinter’s Silence

Selten hat mich ein Tuch optisch von Beginn an so begeistert, wie der einzigartige Tester eines handgewebten Jaquardgewebe aus der seit 2009 existierenden deutschen Handweberei Sirko Galz. Leicht schillerndes Kettgarn in einem Verlauf von lebendig blauen bis graublauen Nuancen wird zu weiß, und mittig gelborange. Durchbrochen wird das Gewebe durch ein weissliches, vom Wiener Jugendstil inspiriertes, Rankenmuster. Immer wieder hatte ich automatisch eine verschneite, tiefwinterliche, jungfräulich unberührte Landschaft vor Augen, deren Eiszapfen an den kahlen Bäumen die ersten oder letzten Sonnenstrahlen des Tages reflektiert. Der Name „Midwinter’s Silence“ passt hier einfach perfekt. Elegant und zugleich alltagstauglich, zum Hochzeitskleid ebenso schick, wie zum Jeanslook – das bietet nicht jedes Tuchmuster!

Der engagierte junge Weber, welcher anfangs mit der Reproduktion historischer Textilien für Reenactment-Darsteller und Museen für Aufsehen sorgte, wandte sich vor wenigen Jahren dann auch den Babytragetüchern zu, von welchen ich schon ein wenig testen durfte. Mit dem mir heute vorliegendem Tuch hat er wohl endgültig seine ganz individuelle Handschrift gefunden und ein wenig moderne „Tragetuch-Geschichte“ geschrieben.

Sirko Galz Handwoven Midwinter's Silence

Double Hammock mit Ring Finish

Die Jaquardweberei revolutionierte 1805 die Weberei, da sie die zuvor sehr aufwendige und zeitintensive Anfertigung gemusterter Textilien dank Mechanisierungenorm vereinfachte und beschleunigte. Heute sind die ursprünglichen Hand-Jaquardwebstühle fast vollständig verschwunden. Durch einen glücklichen Zufall (und eine glücklicherweise ausreichende Raumhöhe!)  kam Sirko Galz vor ca. drei Jahren in den Besitz so eines alten Webstuhls.

Worin unterscheidet sich die Jaquardhandweberei von normaler Handweberei?  Während Schaftwebstühle auf maximal 24 Schäfte (= 24 Fäden können max. gleichzeitig gehoben werden) begrenzt sind, liegen Jaquardwebstühle mit 200, 400, 800, 1600 (bzw. bei modernen Jaquardmaschinen unbegrenzt) vielen individuell bewegbaren Kettfäden. Bei Sirko Galz seinem können 200 Kettfäden (10 cm Gewebebreite) bewegt werden. Im Zuge einer mühsamen, langwierigen Einarbeitungsphase erstellte der Weber auch die Lochkarte per Hand. Die ganze Webstuhlmechanik wird mittels Pedal in Bewegung gesetzt, der Schusseintrag erfolgt von Hand, das Weben selbst mit allen Sinnen – Augen, Ohren, Fuß, um alle Bewegungsabläufe unter Kontrolle zu haben.

Midwinter’s Silence im Praxistest

Sirko Galz Handwoven Midwinter's Silence

Doube Hammock mit Midwinter’s Silence – Rückenansicht

Das Tuch greift sich, obwohl es bei mir als erstes auf seiner Urlaubsreise Station macht, bereits sehr kuschelig weich an. Von dem Kuschelfaktor her würde man die ca. 380 gr/m² kaum merken. Von der Struktur erinnert es ein wenig an ein Triweave. Insgesamt misst das Tuch ca. 5m auf 74 cm. Die schmalen Enden sind gerade abgeschnitten und eingeschlagen vernäht, die Webkanten sind aussen an 0,5 cm im Webmaster abgesetzt gewebt, um eine sicheren stabilen Abschkuss zu bieten, ansonsten aber unversäubert.

Im ersten Bindeversuch in der Wickelkreuztrage mit 9 Monate altem Baby (ca. 11 kg) hatte ich keinerlei Probleme beim Binden und fand das Gewicht des Babys auch über länger angenehm. Hier war ich noch wirklich sehr begeistert!

Beim Kaffeeplausch mit Tamara von Nestwärme wurde Midwinter’s Silence mit seinem rosa Schwesterntuch als Ring Sling getestet. Der blaue Poncho stammt übrigens auch aus Sirko Galz Weberei!

Beim Double Hammock merkte ich erstmals die von Tuchbreite und Flächengewicht bedingte Stoffmenge bzw. Gewicht. Ein Festziehen erforderte einiges an Kraft, und beim Ringfinish benötigte ich einen Ring in Gr. L. Trotz geglaubt ausgezeichnetem Straffen kam rasch wieder etwas Luft ins Tuch. Aber das Tragen war weiterhin sehr bequem.

Wirklich mühsam war jedoch dann ein Tragen im Einfachen Rucksack. Durch das Flächengewicht war es mir leider trotz ca. einer Stunde immer wieder nacharbeiten auf einem Spaziergang nicht möglich, auch nur annähernd eine feste Stütze im oberen Rücken beim schlafenden Baby zu erreichen; auch das tibetanischen Finish musste ich vereinzelt nachziehen, da der leichte seidige Faktor das Tuch gerne rutschen ließ. Durch diese Faktoren begann ich mich im Nackenbereich nach kurzer Zeit zu verkrampfen. Der Versuch mit 3jährigem war hier deutlich zufriedenstellender, aber noch nicht zu 100% perfekt.

Handwoven Sirko Galz

Im einfachen Rucksack war es uns leider unmöglich, ein optimales Ergebnis mit Baby zu erzielen! (und auch Trageberaterinnen haben ab und zu Bad Wrap days ;) )

Ein Känguru war zwar eine Weile lang bequem, richtig straff bekam ich es aber auch hier nicht, zu schwer war ein genaues festziehen.

Mein Fazit zum Tuch von Sirko Galz

Bei dem Tuch handelt sich unzweifelhaft um ein wunderschönes Unikat an Webkunst, und ich bin wirklich froh, dass ich unter den glücklichen Vorab-Tester sein durfte, von der Optik her wäre es absolut meins! Vom Flächengewicht wie auch Bindefähigkeit ist das Tuch für mich allerdings kein Newborntuch, sondern nur für Toddler bzw.  sehr schwere ältere Babys wenn wirklich geeignet. Die Stoffmenge erfordert beim Binden viel Kraft und Erfahrung, und das hohe Flächengewicht geht unzweifelhaft auf Kosten von Technik und sauberem Bindeergebnis. Es ist somit eher ein Gimmick für sehr erfahrene Tuchträger, welche hier auch bereits mit schweren Tüchern oft gearbeitet haben, nicht aber für komplett unerfahrene, im Tuchtragen neue Trageeltern! Mir persönlich ist das Flächengewicht leider zu hoch – ich bevorzuge privat Tücher um 200-280 gr/m², und binde gerne exakt, statt mit einem Kraftakt eine Straffheit ins Tuch zu bekommen, das Tuch wird aber sicher unter Fans von „brockentauglichen“ dicken Tüchern seine Fans bekommen!

Ein herzliches Dankeschön an Sirko, dass wir testen durften!