Nun liegt er hinter uns, der erste „Convegno Babywearing“, organisiert von der Scuola del Portare, einer der bekanntesten italienischen Trageschulen, in Rom. Ich war selbst noch zwei Tage danach erschlagen und völlig geschafft von der Hitze, aber vor allem den vielen Eindrücken, den vielen Gesprächen, neuen Kontakten …

Denn besonders war diesmal die Tatsache, dass erstmals Trageschulen aus mehreren Ländern in Italien aufeinandertrafen, um voneinander lernen und neue Blickwinkel und Ansätze kennenzulernen. Tragen verbindet!

Von unserer Trageschule ClauWi hatten zusammen mit unserer geschätzten Petra ca. fünf Teilnehmer aus Italien, Österreich, Deutschland und Bulgarien ihren Weg nach Rom gefunden. Neben der SdP war auch Portare i Piccoli als zweite große italienische Schule gekommen, die Trageschule Hamburg war vertreten, aber auch aus Quebec, Belgien waren Trageschulleiterinnen angereist. Kurzum: man könnte sagen, das Motto der EBW 2018 „Carrying connects“, oder „Portare unisce“ wie es im Italienischen heißt, ist Motto des Wochenendes von fachlicher Seite gewesen, weshalb ich mich auch dazu entschieden habe mit diesem Bericht meinen Beitrag zur #EBW2018-Blogparade der deutschsprachigen Trageberaterinnen zu leisten!

Programm des Convegno Babywearing 2018

Bei knapp 30 Grad Tagestemperatur zuckelte mein Zug von Vorarlberg am Freitag den 27.4. gute 11 Stunden durch Italien. Ein verpasster Anschluß (ich wusste ja bereits beim Ticketkauf irgendwie das es passieren würde!) machte aus der Odysee mit Baby, Riesenkoffer (in welcher ca. ein Dutzend Tragehilfen für den Workshop am Sonntag mitreisten) und zwei Taschen zunehmend eine mühsame Sache. ABER: Dank Tragehilfe mit Kind am Rücken und vielen hilfreichen ItalienerInnen, welche mir beim Ein-/Aussteigen halfen, überraschend gut schaffbar. Trotzdem war ich froh, als ich nach einem Tag im Zug abends endlich in Rom das Seminar-Hotel „Holiday Inn“, welches leider recht weit außerhalb vom Stadtzentrum lag, und somit ein Sightseeing eher erschwerte, betrat. In der Lobby bzw. einem Saal waren schon eifrige Vorbereitungen erkennbar. Mit Anna und Philipp von Limas, den Damen von Storchenwiege & Girasol und Petra von ClauWi waren bereits einige bekannte Gesichter vor Ort. Und im Laufe des Abends füllte sich das Hotel langsam mit weiteren Trageberaterinnen und Herstellern, z. B. Gioiababy…

Müde und geschafft kippten wir schließlich ins Bett …

SAMSTAG, 28.4.2018

Um sieben Uhr schrillte der Wecker. Eine unchristliche Zeit irgendwie, aber wenn die Konferenz um 9 beginnt, bleibt einem wenig Wahl! Also rasch das reichhaltige Frühstücks-Buffet geplündert und dann wurden einmal die Aussteller gecheckt: Girasol, Limasbaby, Hoppediz, Storchenwiege, Emeibaby, Buzzidil, Didymos, LennyLamb, Manduca und Renates Puppenstube füllten als teils bekannte, für die Italienerinnen jedoch noch Großteils komplett bis relativ unbekannte Marken den halben Raum. Hier war am Ende der drei Tage vor allem spannend zu sehen, mit welcher großen Neugierde Limasbaby und Emeibaby von Italien angenommen wurde – deren Gepäck war am Heimweg definitiv kaum noch vorhanden, verglichen mit der Anreise!

Zusätzlich bereicherten Gioia BabyTabatashopLiving Suavinex ItaliaOscha Slings, Néobulle, Elobaby, BabyMonkeyBabyloniaAllegri Briganti Outlet online di abbigliamento per bambiniMillemamme, Firespiral SlingsPoPoLiNi sowie Luluna Slings den Saal. 

Der Samstag war von Vorträgen gekennzeichnet:

  • Den Einstieg machte Prof. Rocco Agostino, ein Experte in seinem Gebiet und damaliger Vorreiter, als er 1987 das Känguru-Konzept für Frühchen auf italienischem Boden zu etablieren begann: “La Marsupioterapia: (metodo Canguro) l’accoglienza e la proiezione“
  • Dott.ssa Alessandra Bortolotti, in Italien u.a. eine bekannte Autorin für Erziehungsthemen, präsentierte die psychologischen und gesundheitlichen Vorteile des direkten Körperkontakts bzw. Tragen basierend auf aktuellen Studien der Epigenetik: “Gli ultimi studi di epigenetica e PNEI confermano che l’accudimento prossimale è una buona pratica di salutogenesi nonostante i pregiudizi della nostra cultura”
  • Willi Maurer lieferte in seinem Vortrag “Imprinting : una Chiave per il ben-essere” eindrucksvolle Einblicke in seine Gefühls- und Körperarbeit. In Maurers Arbeitsweise wird Raum dafür gegeben, die eigenen Gefühle in ihrer ganzen Tiefe zu erfahren und sich mit dem Körper und der Stimme, den eigenen Impulsen folgend, in einem geschützten Rahmen, auszudrücken. Innere, tiefe Konflikte können so gelöst und transformiert werden, um auch z.B. in der Elternrolle gelassener zu sein. Als Beispiel gab er z.B. eine Eifersucht eines Vaters auf die Stillbeziehung von Mutter und Baby an, und er vertrat die These, dass alle Väter noch in der Schwangerschaft hier eine Körperarbeit andenken sollten, um vergessene Verletzungen in der Kindheit (z.B. auch durch Rollenbilder über Generationen hinweg erkennbar) aufzulösen.

Nach dem offiziellen Teil lud die Scuola de Portare noch zu einem runden Tisch mit Vertretern der einzelnen anwesenden Schulen ein.

Ein voller Vortragssaal am Samstag beim 1°Convegno Babywearing.

Dott.ssa Alessandra Bortolotti über die Auswirkungen von Oxytocin.

Der Vortrag von Evelin Kirkilionis, Ethnologin, beleuchtete nicht nur das Traglingskonzept, sondern entführte auch in die historische Entwicklung des Tragens von den Anfängen bis heute, von der Liegeposition zum aufrechten Tragen.

SONNTAG, 29.4.20

Die Workshops wiederum teilten sich in vier Blöcke a je ca. 45 Minuten, 2x vormittags, 2x am Nachmittag, welche von allen anwesenden Trageschulen wie auch Fachärzten angeboten wurden. Neben mehreren Bindeweisenworkshops standen auch Thema aus der Stillberatung (z.B. Reflux), standen auch medizinische und neurologische Themen (z.B. „plasticità sinaptica e Re-Bonding“, Beckenbodenstärkung, RMT Methode uva. am Programm), aber auch z.B. Onlinekommunikation, Branding am Programm. Es war also für jeden etwas dabei, und die Wahl fiel nicht leicht. Begeistert aufgenommenen wurde von italienischer Seite der Workshop von Petra von ClauWi zum Känguru. Diese Bindeweise wird in Italien erst in höheren Modulen der Beraterausbildung gelehrt und wird, ebenso wie der RingSling, konträr zu unserer „deutschen“ Lehrmeinung, nur für ältere Kinder empfohlen. Zudem wird in Italien Känguru nur mit Legpass gezeigt. Mit ihrem technischen Hintergrundwissen ist es Petra aber schnell gelungen alle Anwesenden von der Praktikabilität dieser Bindeweise für kleine Babys zu überzeugen!

Susanne von Marsupimania und ich hatten am Nachmittag die Ehre, in zwei Einheiten tragehilfenbegeisterten Beraterinnen neuen Input in dem Bereich weiterzugeben. In „Elementi della fisica del Portare“ schöpfte Susanne aus ihrem tiefen Fachwissen der Physik, wenn es darum ging, auf kreative Weise den Teilnehmern Aspekte wie Flächengewicht, Elastizität, Zug- und Kräftewirkung von Tuch und Tragehilfe näher zu bringen, um mit einem noch besser geschulten Auge individuelle Tragesituationen zu evaluieren.

In „Evoluzione del Marsupio ergonomico“ nahmen wir die Teilnehmer auf eine kleine Zeitreise angefangen mit dem Dyadetuch über die ihrer Zeit zu weit voraus gebaute Trage Suseskinder hin zum heutigen Markt. Es wurde diverses aus unserer reichhaltigen Auswahl von ca. drei bis dutzend Tragen probiert, verschiedene Optimierungsideen (z.B. Apron/Non-Apron) gegeben, welche teils noch unbekannt waren für Italien, aber auch Tipps für den optimalen Ausbau der jeweilige „Fascioteca“ konnten sich die BeraterInnen holen. 45 Minuten – sprich mit italienischer Zeitmessung eher 30 Minuten ^^ –  sind leider viel zu wenig Zeit, um wirklich intensiv zu arbeiten, ein Punkt von dem ich hoffe, dass in der nächsten Edition vielleicht hier zugunsten längerer Blöcke etwas an Vielfalt reduziert wird!

Zufall oder Schicksal, dass in Petras Workshopraum eine Tafel mit dem perfekt zu ihrem Känguru-Workshop-Inhalt passenden Ausspruch von Homer prangte? „La cosa migliore è rispettare in tutte le cose la giusta misura.“ (Am besten bewahrt man in allen Dingen das rechte Maß).

Fisica del portare: Wie beeinflußt z.B. unsere Zugrichtung beim Tuchbinden den Kraftaufwand wie auch das Bindeergebnis?

Am Testen der neuen Manduca XT mit verstellbarem Steg, welche Mitte Mai 2018 released wird.

MONTAG, 30.4.2018

Der Montag war für uns reine Kür – unser „Pflichtprogramm“ hatten wir Fachkräfte absolviert, heute stand der Tag im Zeichen tragebegeisterter Familien, für welche die italienischen Trageschulen ein vorrangig praktisch angehauchtes Programm mit zahlreichen Workshops vorbereitet hatte. Für die Händler, welche noch nicht Sonntags abgereist war, war es eine entspannte Möglichkeit noch ein paar Tücher oder Tragen an den Mann/die Frau zu bekommen. Für uns hieß es nochmal plaudern und Netzwerken und in Ruhe die letzten Tragen und Tücher, die uns noch reizten zu testen. Auch manche Anekdote wurde erzählt – z.B. musste Girasol mehrmals täglich aufklären, dass man in ihren Tüchern wirklich problemlos tragen könnte. Denn: in Italien sind Tücher mit über 300 gr/m² aktuell das Nonplusultra. Zum Glück fanden sich immer wieder spontane Dolmetscher, um im Sprachenkuddelmuddel aus Italienisch, Deutsch und Englisch erfolgreich vermitteln und manche Mythen aufklären zu können!

Ein paar Neuheiten am Markt bot auch Rom:

So ist von Storchenwiege nun eine Carrier-Version mit Bindehüftgurt erhältlich. Dieser richtet sich speziell an schmale Frauen, wie sie Italienerinnen nun oftmals sind, um dem altbekannte Problem des zu weiten Hüftgurts bei komplett offenem Paneel entgegenzuwirken.

Limasbaby wird noch im Mai 2018 eine Überarbeitung seines BabyCarriers wie auch der Plus herausbringen. Beide Tragen bekommen einen individuell nach Wunsch nutzbaren oder entfernbaren Trägerpolster.

Die Fullbuckle Trage „Switch“ von Nekoslings ist nun endgültig fertig entwickelt und nun in der Form erhältlich (Kontakt für Ö/D/CH: Babysun.at).

Die Manduca XT steht ebenfalls in den Startlöchern und wird wohl etwa Mitte Mai released.

WearMe, ein italienisches Label, stellt mit seinen Tragejacken für Bauch und Rücken preislich ein sehr attraktives und vielseitig nutzbares neues Produkt, welches man sich einmal näher ansehen könnte.

Das Didymos-Tuch zur EBW 2018 überzeugte auf ganzer Linie mit seinen Bindequalitäten!

Und wie geht es weiter?

Eins ist bereits fix: Im April 2020 im Milan wird der 2. Convegno Babywearing stattfinden – und ich hoffe auch dort, unbedingt wieder vor Ort dabei zu sein!

Obwohl das Wochenende anstrengend war, bot es viele interessante Einblicke in Italiens doch in einzelnen Bereichen sehr unterschiedliche Tragekultur! Alle Teilnehmer gingen mit einer Neugierde, Offenheit und Lernwilligkeit ins Wochenende, dass sicher jeder für sich diese Energie und diverse neue Ansätze und Denkanstöße in seinen Beratungsalltag mitnehmen konnte! Das Tragen verband in diesen drei Tagen länder-, sprach- wie auch schulenübergreifend!

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