Beikostreifezeichen falsche BeikostreifeErst unlängst stolperte ich in einer Mama-Gruppe auf Facebook über eine Newsletter-Mail eines bekannten Milchpulver-Herstellers, in welcher Beikostreife an einigen Punkten festgemacht wird, welche ein Baby in der Regel bereits mit wenigen Wochen bis Monaten aufweisen würde. Auch wenn in der Mail auf einen Start ab der 17. Lebenswoche hingewiesen wird, können die darin erwähnten Punkte, welche auch online auf der Webseite des Herstellers, aber auch so oder zum Teil bei anderen Marken- bzw. Elternratgeberseiten lesbar sind, bei Müttern schnell Verunsicherung hervorrufen. Beispielsweise Bedenken, dass die Milch nicht reicht oder das Kind von der Muttermilch nicht satt wird, was bis heute meist ein häufiger Grund für ein verfrühtes Abstillen oder verfrühte Beikostgabe ist. Diese Ängste werden oft auch von Angehörigen oder auch medizinischem Personal bekräftigt („Muttermilch ist mit sechs Monaten nicht mehr nahrhaft“, „Wir haben auch so früh damit begonnen!“ „Mit 17 Wochen MUSS begonnen werden, wegen dem Eisen!“ etc.) , obwohl es sich bei den unten aufgeführten Punkte in der Regel um, vom heutigen Stand der Beikostempfehlungen ausgehend, veraltete Ansätze handelt.

Ich habe mir also einmal die Zeit bewusst genommen, um hinter häufig erwähnte, eigentlich falsche, „Beikostreifezeichen“ genauer zu schauen, und euch auch die biologischen & evolutionellen bzw. geschichtlichen Hintergründe dazu näher zu beleuchten.

1. Nächtliches Aufwachen (bzw. nächtliches Milch einfordern) (trotz Durchschlafen)

Schlaf ist lebenslang Veränderungen unterworfen, entwickelt sich aber v.a. im ersten Lebensjahr auch in der gesamten „Architektur“ stark. Babys haben einen noch sehr eigenen Bio-Rhythmus und auch die Müdigkeit stellt sich nicht immer zur gleichen Zeit ein. Auch Entwicklungssprünge können im Schlafverhalten Auswirkungen haben.

Da Muttermilch nach maximal 2-3 Stunden wieder verdaut ist,  stellt ein nächtliches Stillen für viele Mamas den normaler Alltag dar.  Auch ist der Magen eines Neugeborenen bzw. jungen Säuglings noch sehr klein und die Nährstoffspeicher unreif, weshalb häufige Mahlzeiten, auch nachts, völlig normal sind. Viele Flaschenbabys  benötigen ebenfalls immer wieder nachts noch eine oder mehr Flasche(n). Clusterfeedingphasen können ebenso häufigere nächtliche Trinkeinheiten mit sich bringen (vgl. Punkt 4).

Aber sehen wir uns den Schlaf ebenfalls nochmal genauer an:
Schlaf verläuft zyklisch – aktive REM (rapid eye movement)-Phasen wechseln sich mittels Übergangsstadien mit Tiefschlafphasen (non-REM) ab. Bei einem Säugling dauert ein Zyklus etwa 50-60 Minuten, bei einem Erwachsenen ca. 90 Minuten. Der Schlaf eines Babys weist einen, im Vergleich zum Erwachsenen, deutlich erhöhten Anteil von aktiven REM-Phasen (rapid eye movement) auf, weshalb der Babyschlaf deutlich störungsanfälliger ist und viele Kinder zwischen den Schlafzyklen erwachen. Für Babys ist dieser Effekt übrigens nicht nur negativ, sondern stellt einen natürlichen Schutz vor plötzlichem Kindstod dar!
Im Laufe des ersten Lebensjahren nimmt der Anteil der Non-REM-Phasen sukzessive zu und der Zyklus ähnelt zum Ende des ersten Lebensjahr herum dem Schlaf des Erwachsenen. Mit der Zeit verliert sich also die Störanfälligkeit, d.h. das Kind schläft mehrere Zyklen hindurch ohne in dem Übergängen bewusst aufzuwachen, und wir können von einem „Durchschlafen“ ( = 5 Std. am Stück!) reden. Da Durchschlafen ein Reifungsprozess, der mit der Fähigkeit zur Selbstregulierung zusammenhängt, ist der Zeitpunkt dafür bei jedem Kind individuell. Manche schlafen fast ab Beginn durch, andere erst mit zwei, drei Jahren. Ein frühes Durchschlafen ist übrigens keine Garantie, dass eine nächtliche Störung nicht mehr vorkommen kann! (Cierpka, 2014)

2. Weniger Schlaf bzw. längere Wachphasen nach dem Stillen/Flasche

Nahrung aufnehmen ist für Neugeborene ein sehr anstrengender Vorgang, bei welchem sie oft zu Beginn wieder einschlafen.  Einschlafstillen hat auf viele Säuglinge auch zusätzlich eine beruhigende Wirkung und hilft ihnen, anfangs zumindest, sich selbst zu regulieren (also wieder in die nächste Schlafphase abzutauchen). Aber: Babys haben einen natürlichen Drang zur Selbstständigkeit, weshalb alle Babys früher oder später auch ohne Nuckeln wieder in den Schlaf finden lernen. Saugen wird dann zunehmend als Quelle von Nahrung und Geborgenheit genützt, muss aber nicht mehr unbedingt zu einem Einschlafen führen.

Dazu kommt, dass Babys einen noch sehr eigenen Bio-Rhythmus haben. Die Müdigkeit stellt sich nicht immer zur gleichen Zeit ein und auch Entwicklungssprünge können im Schlafverhalten Auswirkungen haben. Auch der Tag-Nacht-Rhythmus entwickelt sich nicht von heute auf morgen, sondern in den ersten Wochen kontinuierlich. So sind manche Babys Nachts deutlich eher ausgeschlafen, als wir Erwachsenen, denn der Schlafbedarf ist eine feste Größe, der jedoch abhängig von Tag- und Nachtschlafmenge variieren kann. Mit der Anpassung an den Tag-Nacht-Wechsel sinken die Tagschlafzeiten gegenüber der Nachtschlafzeit kontinuierlich ab, bis die Umstellung mit etwa sechs Monaten abgeschlossen ist. Babys haben somit weiterhin einen gewissen konstanten Schlafbedarf, nur die Positionierung im Tagesablauf ändert sich. (Renz-Polster 2016; Remo H. Largo, 2014)

3. Stocken der Gewichtszunahme / Wachstum bzw. Kleines/großes Baby

Babys entwickeln sich in Größe und Gewicht individuell. Bei regelmäßigen Arzt-Kontrollen werden die Daten in Gewichtskurven eingetragen, woraus sich der Entwicklungsverlauf ableiten lässt. Ein Kind sollte im Optimalfall auf seiner Perzentilen-Kurve bleiben, unabhängig ob klein, groß, zart oder fest. Die Kurve gibt an wie viele Kinder im Durchschnitt welche Maße haben (=Perzentile) – ob das Kind oben, mittig oder eher unten angesiedelt ist, hat keine Aussage über ein gutes oder schlechtes Gedeihen, hier können nur stark abweichende Sprünge nach oben/unten (abweichend von der normalen Perzentile) potentiell ein Indiz für Über- oder Untergewicht sein, welche aber, vorallem wenn im kleinen Rahmen, meist eher unbedenklich sind. Nur ein ungewöhnliches, nicht aus Krankheit erklärbares, Einbrechen in der Kurve sollte unbedingt wachsam machen! Verläuft die Kurve jedoch konstant auf der Perzentile, ist ein Kind gut entwickelt, unabhängig von seiner Statur. (Remo H. Largo, 2014)

Hinweis: Viele gängigen Perzentilenkurven sind auf Basis  von Flaschen- und nicht von Stillkindern erstellt, lassen also Raum für Fehlinterpretationen. Die WHO hat hier entsprechende angepasste Kurven erstellt!

Auch ein Stocken der Gewichtszunahme ist entwicklungsbedingt normal. Babys wachsen in den ersten drei bis vier Monaten am schnellsten und nehmen zwischen ca. 450 und 900 Gramm pro Monat zu. Im vierten und fünften Monat sinkt diese Zunahme auf 340-570 Gramm, ab dem sechsten Monat auf 170 bis 340 Gramm ab. Besonders bei Stillkindern ist die Gewichtskurve ab dem 4./5. Monat deutlich flacher als bei Flaschenbabys. Babys verdoppeln somit im ersten Halbjahr ihr Gewicht, verlangsamen dann das Wachstum stark, um zum ersten Geburtstag etwa das 2,5 fache vom Geburtsgewicht aufzuweisen. Beim Längenwachstum nimmt das Baby etwa um 50% im ersten Jahr zu und der Kopfumfang wächst um ein Drittel. (Weigert, 2016)

4. Mehr Milch wollen, trotz vorhergehendem Stillen / Weinen nach dem Trinken der Milch / nicht Trinken wollen (Clustern/Stillstreik)

Viele Mütter beobachten in regelmäßigen Abständen (ca. zwischen 6.-12. Lebenstag, sechster bis achter Lebenswoche, im dritten, in der Mitte des vierten, und um den sechsten Lebensmonat herum, sie können aber auch individuell verschoben bzw. ineinander übergehend sein) beobachten Mütter, dass ihre Kinder, obwohl eben erst lange gestillt, verzweifelt weinen und sich nur durch weiteres Stillen beruhigen lassen, als wenn sie nicht mehr mit der Muttermilch statt werden würden. Dieses Phänomen nennt sich „Clusterfeeding“. Durch für ca. 12-48 Stunden lang gehäuftes Anlegen regt das Baby so den Körper der Mutter an, sich auf den durch den, wachstumsbedingten, erhöhten Nahrungsbedarf des Kindes einzustellen. Die gewohnte Stillfrequenz pendelt sich nach der Phase von selbst wieder ein. Clusterfeedingphasen weisen übrigens auch Flaschenkinder auf! Die Gabe von Pre-Säuglingsanfangsnahrung ermöglicht hier ein Füttern nach Bedarf. Hier gilt es alle Planungen für die kommenden Tage zu canceln und mit dem Baby zur Ruhe zu kommen! Die Gabe eines Schnullers, Zufüttern mit Flasche (oder Brei) kann in dieser sensiblen Phase einen negativen Einfluss auf die Milchproduktion haben! (Gresens 2014, LLL 2010)

Manche Babys haben zwar offenbar Hunger, wollen aber nicht am Busen (oder auch Flasche) andocken und weinen dabei. Manchmal liegt es daran, das es sich irgendwie erschrocken hat, oder das der Milchfluss zu stark (oder die Flasche evtl. zu heiß, zu schnell laufend) war. Auch ein veränderter Duft (neues Waschmittel, Parfum, Deo, etc.) kann zu Irritation führen oder ein Schnupfen und damit verstopfte Nase kann Trinken unmöglich machen. Wird parallel zur Brust auch mit einer Flasche zugefüttert oder ein Schnuller benützt, kann eine Saugverwirrung hinter einem „Stillstreik“ dahinter stecken.  In den Phasen kann – je nach Hintergrund und Ausprägung- viel kuscheln auf nackter Haut, evtl. ausstreichen vor dem Anlegen und das Hinzuziehen einer regionalen Stillberaterin (z.B. La Leche Liga, AFS, IBCLC) hilfreich sein. (Weigert, 2016)

5. Unregelmässige Trinkabstände zwischen Mahlzeiten

Um eine gute Milchproduktion sowie ein gutes Gedeihen des Babys sicherzustellen, wird heute Milchnahrung (Muttermilch bzw. Pre-Säuglingsanfangsnahrung) nach Bedarf verabreicht. Stillkinder sollte ca. 8-12 mal am Tag mindestens angelegt werden. Kurzum: Ein Baby sollte Brust/Flasche bekommen, wann immer es danach fordert! Bei Stillbabys ist etwa nach 2-3 Stunden, bei Flaschenbabys etwa nach 3-4 Stunden, wieder Hunger erkennbar. Aber: eine Mutter wird rasch bemerken, dass ein Baby selten zur gleichen Zeit oder die gleiche Menge trinkt.

Trinkintervalle, vor allem bei Stillkindern, verteilen sich aber nicht gleichmäßig über 24h. Die meisten Babys weisen nachts bzw. vormittags längere Stillpausen auf, kommen dann aber zum Abend hin gehäuft. Die insgesamt getrunkene Menge nach 24 h ist aber, unabhängig von der Frequenz, immer in etwa die selbe!

Auch Clusterfeeding- bzw. Schubphasen (vgl. Punkt 4!) können bei den Trinkintervallen, sowohl bei Still- als auch Flaschenkindern, eine Frequenzänderung hervorrufen. ( Gresens 2014, LLL 2010)

6. Tut sich schwer auf die nächste Mahlzeit zu warten

Babys haben kein Zeitgefühl. Kann man ältere Kinder vielleicht schon etwas vertrösten, so leben Säuglinge im Hier und Jetzt und wenn sie ein Grundbedürfnis haben, so erscheint ihnen jede Verzögerung wie eine Ewigkeit. Woher kommt also die Idee, eine Mahlzeit hinauszuzögern zu müssen, und das Kind warten zu lassen? Vor einigen Jahrzehnten, als Erziehungsratgeber, wie beispielsweise von Johanna Haarer, noch ein „Stillen/Füttern nach der Uhr“ „befahlen“ war auch das Bild vom Kind sehr unterschiedlich zu heute: Das Baby hatte in seinem Wunsch nach Nähe und Aufmerksamkeit quasi nur das Ziel vor Augen, seine Eltern zu beherrschen. Es sei aber die Pflicht der Eltern, ihr Kind abzuhärten und es von Geburt an zum perfekten, sich unterordnenden Gefolgsmann des damaligen politischen Systems zu erziehen. Erziehung wurde zum Machtspiel zwischen Eltern und Kind: Kindliche Bedürfnisse wurden unterdrückt, jeder übermäßige Körperkontakt oder Tragen oder das simple Vertrauen aufs Bauchgefühl als „Verwöhnen“ zum Negativbeispiel tituliert. Dieses Menschenbild des Babys als konditionierbares Wesen verfolgt uns bis heute, waren Haarers Lehren doch bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhundert hinein DAS Lehrwerk für Mütter, Erzieherinnen und Pflegepersonal: ein Baby schreien zu lassen, es nicht ständig hochzunehmen, nur alle x Stunden zu füttern, etc.. Heute wissen wir, dass ein Eingehen auf Babys Grundbedürfnisse nach Nahrung, Nähe, Geborgenheit, Selbstwirksamkeit etc. keineswegs negative Auswirkungen auf seine spätere Entwicklung hat, im Gegenteil, es sogar im Selbstbewusstsein stärkt.

Ein Hinauszögern („nach der Uhr“) kann auch für Stillmütter negative Folgen haben: Wird die Brust zu selten angeregt, geht die Milchproduktion zurück! Viele Mütter beginnen dann damit, mit Säuglingsanfangsmilch zuzufüttern, wodurch der Teufelskreis nur noch schwerer zu durchbrechen wird, und es nicht selten in einem verfrühten Abstillen endet. Stillen nach Plan war übrigens einer der Hauptgründe, warum unsere Mütter und Großmütter meist nur wenige Wochen bis Monate stillen konnten!

Heute wird bei Milchnahrung eine Verabreichung nach Bedarf empfohlen. Wird das Kind nicht gestillt, so kann auch Pre-Nahrung wie Muttermilch verabreicht werden, es müssen somit keine festen Zeitfrequenzen eingehalten werden! (vgl. auch Punkt 5). Erst wenn das Kind zum Ende des 1. Lebensjahres am Familientisch mitisst, macht es Sinn, die Mahlzeitenfrequenzen auch hinsichtlich der Beikost langsam an die Familiengewohnheiten anzupassen. Davor gilt, bei Milchnahrung wie auch Beikost, die Frequenzen an das natürlichen Hunger- und Sättigungsgefühl des Säuglings anzupassen! (Österr. Beikostempf., 2013)

7. Nachschauen

Der kindliche Sehsinn ist, im Unterschied zu den anderen Sinnesorganen, in seiner Ausbildung bei der Geburt noch sehr unreif. Es dauert über ein halbes Jahr bis Sehschärfe, Farb- und Kontrastwahrnehmung entwickelt sind. Ein weiteres wichtiges Übungsfeld ist die Augenkoordination und räumliche Sehvermögen. Ein Bestandteil dieses Prozess ist das Kontrollieren von (bewegten und unbewegten) Objekten mittels des Blickverhaltens: ein Gegenstand wird mit den Augen fixiert, um den Blick dann willentlich wieder abzuwenden. Im nächsten Schritt entwickelt es die Fähigkeit, grössere Bilder oder Gegenstände ganz gezielt zu untersuchen, indem unterschiedliche Motive (Details) nacheinander fixiert werden. Verschwindet ein Objekt aus dem Blickfeld dauert es jedoch noch fast bis zum Ende des 1. Lebensjahres, bis das Baby fähig, sich aktiv an den Verbleib des Objekts zu erinnern. (Cierpka, 2014)

7. Schmatzen

Die Sprachentwicklung beginnt mit der Geburt, mit dem ersten Schrei des Neugeborenen. Schmatzen, Nuckeln, Saugen, Gurren stellen in der sogenannten reflektorischen Schreiphase frühe Hungerzeichen des Neugeborenen dar, welche mit der motorischen Nahrungsaufnahme verbunden sind. In der Lallphase vom zweiten bis vierten Monat entwickeln sich diese Saug-, Kau- und Schluckgeräusche zu triebhaften lautliche Mitteilungen, quasi Urlauten, weiter, welche jedoch von noch sprachlich undifferenziertem Sprachpotential gekennzeichnet sind. Diese Weiterentwicklung ist die Grundlage für die Fähigkeit zur Bildung von Konsonanten. (Berger, 2013)

Kurzum: Schmatzen kann ein Zeichen von Hunger sein, aber dieses Verhalten ist ab Geburt vorhanden und kann vor allem anfangs ein hilfreiches Signal für die Mutter sein, dass das Baby nun wieder an die Brust will. Es bedeutet aber nicht, dass es dadurch Lust auf Brei hat! Je älter es wird, umso mehr ist Schmatzen Teil der Sprachentwicklung!

8. Hände in den Mund stecken

Eine entwickelte Feinmotorik, d.h. der Handmotorik, ist die Voraussetzung für das Erlernen von Kulturtechniken, wie z.B. selbstständiges Essen, Trinken. Ein Neugeborenes verfügt in den ersten Wochen über einen angeborenen Greifreflex – ein Loslassen fällt hier in der Regel noch schwer. In weiterer Folge erlernt das Kind das bewusste, gezielte Greifen: das Spiel mit den eigenen Händen, das interessierte betrachten und betasten der eigenen Finger und das in den Mund führen sind natürliche Entwicklungsabläufe in den ersten zwei Lebensmonaten. Durch das Erkunden der eigenen Hand wird die Grundlage für das spätere gezielte Greifen gesammelt. (Cierpka, 2014).
Auch wenn Zähne einschiessen oder durchbrechen, kann es sein, dass ein Baby zur Linderung an seinen Fingern kaut.

9. Greifen nach allem in der Umgebung

Dieser Punkt ist eine Folgesequenz von Punkt 8. Nach dem Erkunden der Hände, beginnt das Kind ab dem 3. Lebensmonat, seine Armbewegungen immer bewusster und gezielter auf Spielsachen in seiner Umgebung auszurichten. Wird erst noch die ganze Hand genützt (Faustgriff), so lernt das Baby zwischen dem fünften und neunten Lebensmonat die Greifbewegung immer mehr an die Objektgrösse anzupassen. Beikostreif ist ein Baby aber erst, wenn es selbst aktiv gezielt nach Nahrung greift und diese zum Mund führt! Etwa um das siebte/achte Monat herum ist das Baby schließlich in der Lage, kleine Objekte mit Daumen und Zeigefinger, wenige Wochen später auch Mittelfinger, wie mit einer Zange zu umgreifen (Zangengriff, Pinzettengriff). Nun ist es auch in der Lage kleine Nahrungsmittel – Erbsen, Maiskörner, mundgerecht geschnittene Happen gut aufzunehmen. Die Koordination beider Hände ist übrigens die Voraussetzung für das Erlernen des Umgangs mit Besteck! (Cierpka, 2014).

10. Vorhandene Zähne

Das Vorhandensein von Zähnen rund um das 5.-7. Lebensmonat ist sehr individuell. Vereinzelt kommen Neugeborene bereits mit Zähnen zur Welt, viele andere Babys haben bis zum halben Jahr bis Ende des 1. Jahres herum keinen einzigen Zahn. Zähne stellen somit natürlich einen Vorteil beim Zerkleinern von Nahrung dar, der Kiefer und Gaumen des Babys ist aber auch ohne Zähne stark genug, um auch gröbere Nahrung (vgl. Baby Led Weaning) zu zerdrücken. Zähne sind somit für die Beikostreife nicht ausschlaggebend.


Quellen:

  • R. Berger: „Die Sprachentwicklung und ihre Störungen.“ (p. 141-150) in HNO Praxis heute, Band 16, Springer-Verlag 2013
  • Vivian Weigert: „Stillen. Das Begleitbuch für eine glückliche Stillzeit.“, Kösel Verlag, München, 2. Aufl. 2011
  • Regine Gresens: „Intuitives Stillen.“, Kösel Verlag GmbH, München 2016
  • La Leche Liga: „Das Handbuch der stillenden Mutter“, La Leche Liga international, Zürich, 3. Aufl., 2008
  • Remo H. Largo: „Babyjahre.“, Piper Verlag GmbH, München, 15. Aufl. 2014
  • Herbert Renz-Polster / Nora Imlau: „Schlaf gut, Baby!“, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München, 1. Aufl. 2016
  • Österr. Beikostempfehlung: „Richtig Essen von Anfang an“ – Expertenversion
  • Manfred Cierpka: „Frühe Kindheit 0-3 Jahre“, Springer Verlag, Heidelberg, 2014