„Mein Kind will nicht essen.“

Gut. Na und?

Vermutlich fällt einigen hier jetzt die Kinnlade herunter, schnappen nach Luft und wollen „aber…!“ einwerfen.

Aber ganz ehrlich:

  • Isst du immer deinen Teller komplett leer? Ja?
  • Dann meine 2. Frage: Warum?

  • Weil du einfach noch Hunger hast? Dann freu ich mich für dich, weil du auf die Signale deines Körpers achtest. Oder eher doch:
  • Weil MAN es halt tut? MAN kann ja kein Essen verschwenden. Schliesslich wird gegessen was auf den Tisch kommt!

Kennt ihr diese Sätze irgendwoher? Genau, genau diese Aussagen haben wir in unser eigenen Kindheit tausende Male gehört. Ein „Nein“ zu einer Speise wurde meist nicht toleriert – wie kämen wir darauf, das von der Mutter liebevoll zubereitete Essen als „grausig“ zu titulieren oder generell abzulehnen? Aber dann den Kaiserschmarren oder den Schokokuchen probieren wollen? Wir werden doch nicht unsere Eltern manipulieren wollen?!?!?

Diese Glaubenssätze haben sich in unserrn Köpfen durch unsere Erziehung damals sehr stark verankert, so dass wir aus unserer Haut kaum herauskönnen: Nur wer brav sein Gemüse ist bleibt gesund. Wenn man den Kindern die Entscheidung überlässt kann nur eine ungesunde Ernährung rauskommen. Was man sich nimmt, isst man auch auf.

Ein Kind das mäkelig ist oder hinter den Erwartungen der zu essenden Menge zurückbleibt, wird gleich als „schlechter Esser“ diagnostiziert. Die Schuld wird nur beim Kind zugewiesen. Doch kann man „schlecht“ bewerten? Was bedeutet „schlecht“ eigentlich? Oder stehen wir uns einfach selbst im Weg?

Fakt ist leider, dass wir heute durch die damaligen Erziehungsmethoden – oftmals Zwang, Manipulation und Erpressung am Esstisch – unser natürliches Sättigungsgefühl meist komplett verloren haben. Wir essen eher bis wir platzen, statt einen noch irgendwie gefüllten Teller stehen zu lassen. Entsprechend auch dem Bild, welches uns die Gesellschaft einredet, schaudert es uns bei jedem Besuch auf der Waage, gefolgt von endlosem Diätwahn. Spezielle Ernährungen oder andere Extreme werden beinahe zwanghaft verfolgt um den perfekten „Beachbody“ wieder hinzukriegen. Entspannung, Genuss & Freude am Essen sieht sicher anders aus.

Bei Kindern läuft es ähnlich. Bereits bei den Muki-Pass-Untersuchungen wird das Kind nach Kurven bewertet – wehe es liegt über oder unter einer Kurve! Zufütterung oder – je nach Kinderarzt – eine Diät wird empfohlen!

Ist das wirklich alles nötig? Müssen WIR uns wirklich einen Druck und Sorgen machen, ob das Kind eh ja alles aufisst?

Oder können wir bereits in der Kindheit eine Basis legen, um diese heute immer mehr zur Problematik werdende Entwicklung fürs weitere Leben möglichst zu vermeiden?

Ich glaube ja. Und dieser Grundstein beginnt mit der Geburt!

Unser Sohn wurde fast bis zum halben Jahr nach Bedarf vollgestillt, ehe er mit 5,5 Monaten auf Basis des Baby Led Weaning Konzepts den Startschuss zur Beikostgabe gab. Oder eigentlich dem Beikost-Angebot. Wir überliessen unserem Sohn dabei komplett die Entscheidung was und wieviel er essen wollte – natürlich im 1. Lebensjahr Salz, Zucker & Co auf ein Minimum reduziert. Es ging zu Beginn sehr schleppend: mal 1-2 Bissen, dann nach Wochen mal eine kleine Schüssel Joghurt, gefolgt von mehrmaliger kompletter Verweigerung und Rückkehr zum quasi vollstillen. Dann wurde es wieder besser und auch die Mengen wuchsen stückweise, wenngleich minimalst, mit jedem Monat an. Im 1. Lebensjahr aß er wirklich fast alles. Ob Tomaten (sein Leibgericht die ersten Monate), Nudeln, Karotten,… ganz gleich. Hauptsache alles kosten. Und auch wenn die Tagesration oft minimalst war (über manche Breimengen-Tagesempfehlungen konnte ich nur lachen, da kamen wir nicht annähernd ran): er gedeihte gut, entwickelte eine grosse Neugierde & Routine hinsichtlich Essbarem und machte für uns jede Mahlzeit zu einem Erlebnis.

Mit dem 1. Geburtstag gab es dann im Verwandtenkreis natürlich die „obligatorische“ Schokoladentorte. Und ja, die schmeckte ihm, und nun weiss er auch, wie fein Süßes ist 😉😎

Dann peng, 13 Monate und von heut auf morgen wurde alles, was er bisher gern gegessen hatte, ausgespuckt oder von vornherein verweigert. So ein Extrem war neu, vorallem hielt es länger an. Ja, ich war demotiviert, etwas besorgt, aber: der Jahresschub geht bekanntermaßen mit einer schwierigeren Essensphase einher! 

Nur: Ich habe es als Kind gehasst, zum Essen gezwungen zu werden (auch ein Grund vermutlich, warum ich ein  inneres „Problem“ mit der klassischen Breikost habe) und auch wenn Verwandte gleich den Tipp gaben: „einfach zwingen, immer wieder anbieten dann isst er schon.“ … es war für mich nicht stimmig mit meinem Bauchgefühl.

Also akzeptierten wir sein „Nein“

Die Speisekarte reduzierte sich drastisch von Woche zu Woche – im grossen und ganzen verblieb in der extremsten Phase Joghurt, (Schoko)kuchen, Banane, Eis & Nudeln darauf. Aber: es blieb eine Phase.

Über Nacht, so wie es begann, hörte es auf. Plötzlich, mit 16/17 Monaten, wurde wieder alles – und selbst dass, was zuvor eher verweigert worden war -mit einer Leidenschaft verputzt, das man nur so staunen konnte. Die Neugierde auf eine Mahlzeit wuchs noch mehr – mit „Huui!“ & „Mmmmmh“ wird bereits der Kochvorgang begeistert kommentiert. Und am Tisch wird wirklich von jedem Teller, jeder Schüssel, jedem Topf gekostet.

Und aus 10 Monaten Essen kann ich sagen: er ist bisher weder zur übertriebenen Naschkatze mutiert, noch hat er sich einseitig ernährt. Klar, es gibt Dinge die er lieber hat, aber insgesamt landet immer von jeder Nährstoffgruppe etwas im Magen. Und auch wenns dann Schlagobers oder Schokokuchen mal in Reichweite gibt: ist der Bauch voll, so wird nicht weiter gefressen, bis er platzt, sondern aufgehört!

In dieser Hinsicht vertraue ich darauf, dass er intuitiv weiß, was er an Nährstoffen in welcher Menge braucht.

Und ja, noch stehen uns die Autonomiephase und Pubertät bevor, und vermutlich wird sich auch hier noch einiges am Esstisch ändern bzw. abspielen, aber ich bin davon überzeugt, wenn ein „Nein“ bzw. „Genug“ von uns Erwachsenen akzeptiert wird, wird auch Mäkeligkeit bei einem Kind nicht übertrieben sein! Bzw. wird auch die Kooperationsbereitschaft seitens des Kindes bei allfälligen Konflikten (z.B. ob jetzt nur ein Stück oder eine Tafel Schokolade nötig ist) höher sein.

Aber nun zum Thema ansich…

Was kann EUCH in so einer komplizierten Situation helfen, die Nerven zu bewahren?

  • Reflektiert euch selbst! Wie wurdet ihr erzogen? Welche Glaubenssätze & Werte sind euch am Esstisch / rund ums Thema Essen wichtig? Welche davon behindern euch im Alltag? Häufig liegt Essensverweigerung weniger am Kind selbst, als an der Qualität der Mahlzeiten. Unter Qualität verstehe ich aber hier nicht teure Bio-Produkte oder die Zubereitung, sondern als Gesamteinheit: ein schön gedeckter Tisch, mindestens eine Mahlzeit pro Tag, welche in der Gesamtfamilie eingenommen wird, ein optisch ansprechender Teller, gemütliche Gespräche,… kurzum: alles was Essen auch ganzheitlich zum Erlebnis macht!
  • Trinkt das Kind noch Muttermilch/Formula? Ja? Dann macht euch absolut keinen Stress, da es damit auch bei einer absoluten Verweigerung von normaler Kost ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird! „Mein Kind isst nichts“ kann somit nie passieren! 😉
  • Ist eine Gewichtszunahme/-stagnation trotzdem vorhanden?  Dann ist (sofern seitens des Arztes auch keine andere Diagnose vorliegt) alles im grünen Bereich Bei auffälligen Gewichtsabnahmen (ab 1-2 kg) bzw. wenn auch die Milch zusätzlich komplett verweigert wird, sollte allerdings unbedingt mit dem Arzt Rücksprache gehalten werden.
  • Häufige Gründe, wieso ein Kind nichts/wenig isst: Kein Hunger/Appetit, körperl./seelisches Unwohlsein, Zahnschmerzen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, schmeckt einfach wirklich nicht, etc.
  • Gibt es Nahrungsmittel/Konsistenzen, die euer Kind aktuell bevorzugt? Vorlieben für z.B. Eiweiss, Kohlehydrate, gewisse Gemüsesorten o.ä. können auf Wachstumsschübe oder erhöhte Nährstoffbedürfnisse (z.B. Eisen) hinweisen – lass dein Kind somit dahingehend diesen Gelüsten nachgehen. Meist ändert sich diese Phase nach wenigen Tagen wieder in eine andere Richtung. Das bedeutet aber trotzdem nicht nur einseitig Lebensmittel (Stichwort: empfohlene Dosis!) anzubieten, sondern weiterhin eine Auswahl verschiedener Sachen bereitzustellen!
  • Wie gehe ich mit Essensverweigerung/Mäkeligkeit um? Kann ich es akzeptieren? Übe ich (un)bewusst Druck aus? Verfalle ich evtl. in alte Muster & Aussagen? („Noch ein Löffelchen für….“, „in Afrika verhungern die Kinder!“). Es ist in der Regel weder nötig noch sinnvoll, für ein essensverweigerndes/mäkeliges Kind ein aufwendiges (aber auf Dauer potentiell eher einseitiges) Alternativ-Essen zu richten! Ebensowenig sollte Essen mit körperlicher Gewalt („festhalten“, „Löffel in den Mund & zum Schlucken zwingen“) noch mit Strafen einhergehen!
  • Verzichte auf Erpressungen! „Erst das Püree, dann der Nachtisch!“. Wer hat das als Kind nicht gehasst? Es gibt eine Möglichkeit diese für alle eher belastende Situation zu umgehen, bei der wir Erwachsene so oder so verlieren: Ihr bietet von Haus aus keinen (süssen) Nachtisch an, oder falls doch, achtet auf ein gesundes Dessert. Z.B. Obstsalat, Joghurt, etc.. Und sollte mal die Oma zu Besuch sein, Hand aufs Herz und traut euch auch mal die Situation zuzulassen, dass es notfalls nur Kuchen mittags gibt!
  • Nimm es nicht persönlich! Da steht man vielleicht den halben Vormittag in der Küche und dann lässt das Kind den Teller unberührt stehen? Klar frustriert das im ersten Moment, aber das heisst nicht, dass es deine Kochkünste nicht schätzt! Gib deinem Kind einfach die Zeit auch einmal „Nein“ sagen zu dürfen und du wirst bald wieder eine begeisterten Abnehmer für deine Festmähler finden 😊
  • Vergleiche dein Kind nicht! So wie die einen nur vom Ansehen eines Stücks Kuchens 3kg mehr auf die Waage bringen, während andere 3kg Kuchen essen müssen, um ein paar Gramm mehr zu wiegen, läuft es auch bei Kindern: nicht jedes Kind verwertet Nahrung auf die gleiche Weise! In diesem Kontext sind auch Mengenempfehlungen bei Brei völliger Humbug, da nicht jedes Kind auf den Gramm genau 3x täglich isst!
  • Probiere es immer wieder! Ja es nervt, wenn die Tomaten zum 10. Mal ausgespuckt werden und am Boden landen. Aber trotzdem ist es kein Grund, sie nicht nach 1-2 Tagen wieder anzubieten! Oft ändern sich Vorlieben über Nacht – hier ist nach fast 6 Monaten Verweigerung nun keine Tomate mehr vor Junior sicher!!!
  • „NEIN“ sagen ist Prävention! Halte dir immer vor Augen, dass „Nein“ eigentlich etwas positives ist! Dein Kind ist fähig sich abzugrenzen, für seine Bedürfnisse und Wünsche einzustehen. Heute sind es deine Nudeln mit Gemüsesugo, in einigen Jahren dann Zigaretten & Drogen!
  • Der volle Teller wird leer, wenn statt 2 Schöpfern nur 1 Schöpfer am Teller landet. Also nicht die Menge, welches das Kind isst, wird reduziert oder gesteigert, sondern unsere Erwartungen!  Löse dich auch von deinen Erwartungen „was ein Kind essen muss“, speziell im 1. Lebensjahr muss KEIN Kind essen. Essen ist hier just 4 fun – Mutter-/Pre-Milch deckt alles nötige ab!
  • Beobachte was dein Kind isst & trinkt! Oft denken wir, dass unser Kind nichts isst, weil Hauptmahlzeiten verweigert werden – aber nicht selten holt es sich genug zu anderen Zeiten! Hier ein Keks, dort ein Glas Saft, da ein Quetschie, da mal ein paar Löffel Sugo bei den Vorbereitungen gekostet … und schon kann der Appetit zur eigentlichen Mahlzeit minimal sein!
  • Binde dein Kind in die Vorbereitungen ein! Ein „Learning Tower“ lässt das Kind auf Höhe der Arbeitsplatte zusehen und je nach Alter auch mitarbeiten. Zu sehen, wie etwas entsteht fördert nicht nur die Wertschätzung für die Arbeit die hinter der Mahlzeit steckt, sondern bietet jüngeren Kindern auch eine zeitliche Vorbereitung um sich auf die Essenssituation einzustellen. Und vom Kind „selbstgemacht“ schmeckts sowieso gleich doppelt so gut!
  • Mamas Teller schmeckt sicher besser! Unser Kleiner hatte nach dem 1. Geburtstag eine zeitlang den Wunsch alles erst von meinem Teller zu kosten, ehe er sich traute etwas von seinem Teller zu nehmen. Ob er meinen „Kochkünsten“ nicht traute oder es einfach Spass machte, Mama ihr Essen wegzuessen… who knows! Auf alle Fälle probierte er so wieder Sachen, die er sonst verweigert hatte.
  • KIM-Spiele: sehe, rieche, fühle, schmecke, beschreibe Nahrungsmittel- eine Erfahrung mit allen Sinnen kann Kindern die Angst vor neuen Lebensmitteln nehmen und erweitert noch dazu den Wortschatz!

Weiterführende Informationen

Wer noch ein wenig mehr über das Thema Essensverweigerung bzw. Werte beim Essen erfahren will, dem lege ich folgende zwei Bücher ans Herz:

  • Carlos Gonzalez: „Mein Kind will nicht essen: Ein Löffelchen für Mama“
  • Jesper Juul: „Was gibt’s heute?: Gemeinsam essen macht Familie stark“ (Buch oder DVD)