Für mich war momentan das Thema Tandemstillen nach der Geburt unseres zweiten Kindes noch ein einziges Fragezeichen, sollte es dazu kommen, wollte ich dem Thema allerdings offen gegenüber. Zu Mitte der Schwangerschaft macht mein Sohn noch keinerlei Anzeichen, seine „Teta“ loslassen zu wollen und stillte wieder lieber denn je nach den ersten „sparsameren“ Wochen. Von meiner Familie wurde die für mich  völlig natürliche Idee im Vorfeld eher mit Skepsis betrachtet. „Nun nütz es aus und still ihn jetzt ab!“ hörte ich häufig. Aber wenn ich an die letzten zwei Jahre zurückdenke, so war immer eine gewisse Still-Skepsis vom Grundtenor im Raum und am Ende stellten alle fest, wie toll und liebevoll rückblickend die zuvor kritisierten Situationen eigentlich waren. Ich hoffte somit hier auf einen „Sinneswandel“, wenn sie Tandemstillen einmal live erleben würden (meine Family hat meist nach ca. 3-4 Monaten damals alle Kinder abgestillt, hier fehlen also auch verständlicherweise Erfahrungswerte!).

Tandemstillen

Erstes Tandemstillen nach der Geburt. Der große Bruder entdeckt zögerlich das neue Familienmitglied.

Unter Tandemstillen versteht man das Stillen von zwei (oder mehr) Kindern verschiedenen Alters. Viele Mütter entscheiden sich aufgrund nahe beieinander liegenden Geburten eher ungeplant dafür, wenngleich es in unserem Kulturkreis insgesamt ein eher seltener, mit vielen Vorurteilen behafteter, Anblick ist.

 

Viele Kinder, die sich in der Schwangerschaft abgestillt haben, kommen nach der Geburt erneut auf den Geschmack. Ist es für Mütter der Wunsch, die Verbindung zum älteren Kind in der neuen Familiensituation zu halten, so ist es für die älteren Kinder meist eine Art Rückversicherung, dass die Mutter es trotz der neuen Familienverhältnisse immer noch liebt. Die Praxis zeigt, dass die Transition zum neuen Familiengefüge oft entspannter verläuft und tandemgestillte Kinder häufig eine sehr innige Beziehung entwickeln. Beim gemeinsamen Stillen werden sie sich gerne die Brüste teilen, sich gegenseitig berühren und streicheln. Tandemstillen ist jedoch keine Garantie für einen unproblematischen Übergang – von Wut bis pure Freude kann ein Kleinkind eine große Palette an Emotionen aufweisen. Realistische Erwartungen, viel Mutterliebe und eine offene Kommunikation sowie etwas Humor sind bei den zu erwartenden Herausforderungen eine große Hilfe !

Wir hatten durch den etwas mühsamen Geburtsverlauf vor und nach der Geburt jeweils fünf  Tage Krankenhausaufenthalt als Handicap. Bei den täglichen Besuchen vor der Entbindung wollte mein Sohn meist nur einmal sehr kurz andocken und ansonsten reagierte er etwas kühler als sonst auf mich. Hier war die Trennung nicht nur für ihn eine ungewohnte Belastung. Noch am Abend nach der Entbindung durfte er seinen Bruder erstmals sehen und wollte ebenso wie dieser sofort stillen. Zu Beginn war er noch eher skeptisch und während beide am Busen nuckelten, berührte er zaghaft dieses neue Menschlein in meinem Arm. Im Laufe des ersten Monats kam eigentlich keine richtige Eifersucht auf, im Gegenteil, Stillen war für beide Kinder immer ein Weiterknüpfen zaghafter Banden. Der kleine Bruder wurde bestaunt, gestreichelt, geküsst, umarmt, beinahe vor Liebe und überschäumender Kleinkindfreude zerquetscht. 

Eifersucht bekam in der Familie nur ich ab. Wobei es eher eine Art stummer Vorwurf war. Eine Wut auf mich, über die Trennung in den ersten Tagen, welche sich durch eine gehäufte körperliche Aggressivität mir gegenüber äußerte, vor allem, wenn ich mich einmal weigerte ihn jetzt schon wieder zu stillen oder ihn abdocken ließ, während der Bruder noch durfte. „Mein Busen“ wurde sein Zauberwort für „Mein Platz bei Mama“. Es kostete mich die ersten Wochen viele Nerven, um nicht immer wütend auf ihn zu sein, weil er nie einfach einmal ein „Nein“ akzeptieren konnte, ohne mit Schreien und Hauen und vehementen Aufmichwerfen (ohne Rücksicht auf Verluste oder den Bruder) zu reagieren. 

Nachts wachten der Mini und der Große anfangs abwechselnd auf, um zu Stillen, wodurch ich auch immer müder wurde und tagelang mit Müh und Not für zwei Stunden pro Nacht ein Auge zubekam. Der Große verweigerte auch ab der Geburt normales Essen großteils. Lieber wurde (zu meinem Leidwesen) vermehrt gestillt. Entsprechend weich und leicht gelblich sah auch sein Windelinhalt aus. Nach einem Monat begann er langsam wieder etwas mehr feste Kost zu sich zu nehmen.

Milch hatte ich von Beginn an viel. Kurioserweise blieb mein Kolostrum diesmal weißlich, und nahm nie diese typisch gelbliche Färbung an. Am dritten Tag bekam ich trotz Kaiserschnitt den Milcheinschuss. Diesmal war er, im Unterschied zum ersten Kind, sehr schleichend und kaum merklich. Mein Mini nahm gut zu und ich war froh, meinen Großen zum Abtrinken des Überschusses „auf Abruf“ zu haben, da der Kleine bis heute mit dem starken Milchspendereflex etwas kämpft. Nach einem Monat hatte Mini bereits über ein Kilo mehr auf den Rippen und war eifrig gewachsen, obwohl meine Brüste bei zwei Stillkindern fast immer sehr weich waren. Den typischen „Atombusen“ hatte ich höchstens im Morgengrauen. Aber ja, meine Brüste sind trotzdem deutlich größer als beim ersten Kind, wenn ich mir meine Kleidung ansehe! Ließ ich den älteren zu Beginn noch vorrangig an die Brust, wenn diese übervoll war, so entspannte ich mich bald, und achtete weniger darauf, wobei meist eine Brust für ein Kind „reserviert“ wurde, besonders dann, wenn ich wusste der Kleine würde demnächst wieder stillen wollen.

Beim in der Öffentlichkeit den Großen stillen wurde ich etwas zurückgezogener. Mich verwunderte dies etwas, da ich eher der Typ „Guerilla-Stillmama“ bin, die nie ein Problem damit hatte immer und überall ihr Kind zu stillen. Aber seit der Kleine auf der Welt ist, hat sich bei mir eine Art Schalter des „Zauderns“ umgelegt.

Ich habe zudem für mich das Gefühl nicht mit Essen nachzukommen, immer am Essen und trotzdem gefühlt nicht zunehmend. Leider ist unsere Waage aktuell kaputt, weshalb ich den Eindruck „offiziell“ nicht bestätigen kann. Aber mir scheint, wie wenn ich mit zwei Stillkindern mit Stillen erstmals tatsächlich abnehme. 🙂

Wie oben bereits erwähnt, kann das Tandemstillen wie auch Stillen in der Schwangerschaft in manchen Momenten bei der Mutter ungewollt negative Gefühle, quasi eine „Kontakt-Überdosis“, heraufbeschwören. Diese Gefühle sind natürlich und vielleicht ein Mechanismus der Natur, um uns adäquat um unser Jüngstes, das unseren größten Schutz bedarf, um in dieser Welt zu überleben, zu kümmern. Auch hier kann es helfen, sich auf die persönlichen Gründe fürs (Tandem-)Stillen zu konzentrieren, aber sich auch zugestehen, das ältere Kind zu vertrösten oder vom Vater ablenken zu lassen, wenn die Stimmung ins Negative zu schlagen droht o.ä..

Es macht somit Sinn, einen Vater frühzeitig in das Thema Tandemstillen einzubeziehen, ihm seine Rolle dabei zu erklären und festzulegen, wie er seine Partnerin am Besten unterstützen kann! Ob als Spielpartner für das ältere Kind, oder um das Kleine zu beruhigen – sein Wert in der Gestaltung einer harmonischen Tandemstillbeziehung darf nicht unterschätzt werden! Und trotz der stressigen Zeit mit zwei (oder mehr Kindern) sollte die gemeinsame Paarzeit nicht völlig unter den Tisch fallen.

Mythen & Fakten – Worauf achten beim Tandemstillen?

Wie beim Stillen in der Schwangerschaft, ist es auch während der Tandemstillzeit für die Mutter sehr wichtig, auf ihre Ernährung zu achten! Ein vermehrtes Hunger- und Durstgefühl ist natürlich und sollte ernst genommen werden!

Ist das Baby erst auf der Welt, sollte es in den ersten Tagen beim Stillen Vorrang haben, um ausreichend Kolostrum und die wertvollen, darin enthaltenen, Abwehrstoffe zu erhalten. Möglicherweise fordert auch das ältere Kind nun ebenfalls ungewohnt vehement seinen Platz an der Brust ein. Wird ihm dieser nicht verwehrt, wird es nach kurzer Zeit wieder zu seinem alten Stillrhythmus zurückkehren.

Per se kann beiden Kindern beim Trinken abwechselnd beide Brüste angeboten werden. Der Wechsel wird nicht nur durch die unterschiedlichen Trinkmuster bedingt, sondern fördert auch de Hand-Augenkoordination an und sorgt für den Erhalt der Vorder- und Hintermilch. Eine gesunde, ausgewogen ernährte Frau kann hierbei genug Milch für mehrere Kinder produzieren! Sollte das Kolostrum noch vorrangig dem Neugeborenen zugute kommen, so kann auch das ältere Kind ab Milcheinschuss als erstes an die Brust. Vor allem bei einem starken Milchfluss kann dies auch für das Neugeborene angenehmer sein, wenn der Milchspendereflex schon zuvor ausgelöst wurde. Kein Kind wird bei entsprechender Nachfrage (nach Bedarf gestillt) zu kurz kommen – viele Tandemstillmütter berichten eher von einem „problematischen“ Milchüberschuss, denn Mangel!

Krankheiten machen es in der Regel nicht nötig, die Brüste auf die Kinder aufzuteilen, denn bricht eine Infektion erst aus, so waren die Erreger bereits Tage zuvor präsent! Sinnvoll kann die Maßnahme jedoch im Falle einer Pilzinfektion (z.B. Soor) sein!

Ein bisweilen erforderliches, gleichzeitiges Anlegen beider Kinder kann manchmal Kreativität erfordern. Bewährt hat es sich z.B. erst das jüngere Baby im Rückengriff anzulegen und das Kleinkind dann seine eigene Position finden zu lassen.

Wir stillten in der Anfangszeit am liebsten in der  intuitiven, also angelehnten Stillposition. Der Kleine tut sich so mit dem Milchspendereflex einfach am einfachsten, wenn er auf mir liegt, und der Große kann in meinen Arm gekuschelt leicht andocken.