Ich erinnere mich an die Geburt meines Sohnes im Februar 2015. Meine Absicht zu Stillen war für mich undiskutabel, Pulvernahrung kam durch meine persönliche Einstellung nicht in Frage. Sechs Monate war der Plan fix zu Stillen, alles weitere ließ ich mir offen. Natürlich dachte mein Sohn bis dahin nicht einmal ansatzweise ans Essen von Beikost, und da reichlich Milch floss und der Zwerg es dankbar einforderte wurde es rasch ein Jahr. Tja, Abstillen mit einem Jahr? „Nicht mit mir!“, so mein Sohn! Und so kam es, dass wir heute, ein Jahr später mit 2 Jahren immer noch stillen.

Nun geschah es, dass ich im Herbst 2016 erneut schwanger wurde. Da ich mich wohl fühlte und auch von Seiten meines Sohnes noch wenig Interesse an einem Loslassen seiner „Teta“ (tja, bei allem bilingualen Deutsch-Italienisch hat er sich auch ein Wort Spanisch fix gemerkt 😉 ) bestand, stillten wir also einmal munter weiter. Meine Erfahrungen bisher, sowie die Eckdaten, welche ich beim Recherchieren zum Thema fand, möchte ich aber trotzdem gerne mit euch teilen, da ich das Thema Stillen in der Schwangerschaft sehr faszinierend finde!

Kann Stillen die Geburt verfrüht auslösen?

Die Stimulierung der Brustwarzen führt zur Ausschüttung von Oxytocin und ist vielen als „Hausmittel“ zum Anstupsen der Geburt bekannt. Denn Oxytocin löst nicht nur den Milchspendereflex aus, sondern auch Kontraktionen der Gebärmutter. Zum Termin hin wird der Muttermund zum Reifen gebracht und im Geburtsverlauf verstärkt es die Wehentätigkeit. Nach der Geburt unterstützt das Stillen die Rückbildung der Gebärmutter.

Diese Zusammenhänge könnten darauf schließen lassen, dass Stillen während der Schwangerschaft ein gewisses Risiko für eine Fehl- oder Frühgeburt darstellen könnte. Oftmals wurde bzw. wird Schwangeren daher zum Abstillen geraten. Meist spielen hier allerdings Mythen oder kulturelle Einstellungen hinein. Statistisch erwiesen Wissenschaftler jedoch, dass es keinen Unterschied bei den Schwangerschaftsverläufen (Fehl-/Frühgeburt/Termingeburt/Überfällig) von parallel stillenden bzw. nicht-stillenden Müttern gibt. Eine Fehl- oder Frühgeburt wäre somit auch ohne Stillen bei den betroffenen Müttern wahrscheinlich gewesen! Auch die Häufigkeit von Schwangerschaftsproblemen war bei beiden Kontrollgruppen einheitlich.

Sehr wohl kann es vorkommen, dass manche Mütter während des Stillens mehr oder weniger starke Kontraktionen erleben, die meisten fühlen jedoch keine als Reaktion aufs Stillen während der Schwangerschaft. Im Normalfall wird die betroffene Mutter den Stillvorgang instinktiv kurzzeitig unterbrechen, bis sich die Kontraktionen gelegt haben. Wie die Braxton-Hicks-Kontraktionen haben sie jedoch keinen Einfluss auf den Verlauf der Gestation.

Der Grund dafür liegt – wie immer – in einem klugen Verteidigungsmechanismus der Natur: Während der ersten ca. 38 Wochen der Schwangerschaft befindet sich die Gebärmutter in einem Zustand des „Baby-Haltens“. Sie ist reagiert quasi „taub“ auf Oxytocin, noch dazu durch die Tatsache verstärkt, dass bei einer Brustwarzenstimulation während einer Schwangerschaft weniger Oxytocin als normal üblich ausgeschüttet wird. Erst kurz vor der Geburt nehmen die in der Gebärmutter befindlichen Zellen mit Oxytocin-Rezeptoren langsam zu, bis sie sich nach der Geburt auf das 300fache vermehrt haben. Zusätzlich blockieren hormonelle Oxytocin-Gegenspieler, wie z.b. Progesteron, diese Rezeptoren bis zum Ende der Schwangerschaft (weshalb auch frühzeitige Einleitungsversuche mittels Oxytocin häufig erfolglos verlaufen).

Erst zum Ende hin stellt sich die Gebärmutter auf das „Baby gebären“ ein: Die Östrogenwerte steigen im Verhältnis zum Progesteron. Dadurch erst mögliche „Brücken-Proteine“ lassen die Gebärmutterrezeptoren auf Oxytocin zunehmend reagieren und eine Geburtsauslösung durchs Stillen (ebenso wie durch Sex) wäre nun in der Endphase potentiell möglich.

Stillen während der Schwangerschaft hat somit bei einer gesunden, gut ernährten Frau und ausreichender Flüssigkeitszufuhr keine negativen Auswirkungen! Auch die Versorgung des Fötus bzw. das Geburtsgewicht wird von einem überlappenden Stillen bei entsprechend ausreichender Ernährung der Mutter nicht beeinflusst. Ausnahmen, welche Vorsichtsmaßnahmen bzw. ein Abstillen (in Absprache mit dem betreuenden Arzt) allerdings erfordern könnten:

  • Schmerzen in der Gebärmutter oder Blutungen
  • vorangegangene Frühgeburten, Neigung zur Frühgeburtlichkeit
  • ununterbrochener Gewichtsverlust der Mutter im Verlauf der Schwangerschaft (Unterernährung)

Verläuft die Schwangerschaft also normal und ist die Mutter gesund, so liegt die Entscheidung ob und wie lange sie weiterstillen möchte, alleine bei der Mutter!

Mögliche Auswirkungen der Schwangerschaft auf die Stillbeziehung?

Ich sage euch gleich – hier will ich wirklich ehrlich sein -, Stillen während der Schwangerschaft ist kein Zuckerschlecken. Waren meine Brüste bereits zuvor immer um den Eisprung herum sensibler als sonst, so hatte ich, vor allem zwischen 3. und 4. Monat phasenweise richtig starke Abstillwünsche. Nicht nur die Brustwarzen brannten bei jedem Andocken, auch den Busen energisch herauszerrende oder Brustwarzenzwirbelnde Kinderhände passten nicht unbedingt zu meinem temporären Wunsch, am besten immer ohne Oberteil herumlaufen zu können, da alleine Sport-BH und T-Shirt zuviel Reibung ausübten. Einziger Unterschied zur ersten Schwangerschaft? Meine Körbchengröße blieb, bis dato unverändert und auch meine Haut riss diesmal (noch) nicht. Um das vierte Monat herum begann mein Sohn immer häufiger die Brust mehrmals pro Stillmahlzeit zu wechseln und immer öfter „Lala!“ zu murmeln und nach dem Stillen nochmals einen Schluck Wasser einzufordern. Auch unser Stillrhythmus reduzierte sich langsam auf 3-5 mal am Tag. Ob hier die Hormone oder auch die sinkende Stillfrequenz vorrangig aktiv waren ist für mich nicht feststellbar. Doch binnen zwei Monaten hatte ich von „Fontänen“ beim Ausstreichen plötzlich mit Müh und Not nur noch einen Tropfen erreicht. Die Milchmenge war somit zur Halbzeit der Schwangerschaft hin offenbar auf ein Minimum reduziert…

Die von mir erwähnten „Symptome“ erleben fast alle Frauen im Verlauf der Schwangerschaft. Empfindliche Brustwarzen (Newton Studie von 1979 von 503 LLL-Frauen, welche während des Stillens schwanger wurden: 74 %)  sind rund um den weiblichen Zyklus immer wieder auftretend und geben eine Ahnung davon, wie sich die Schmerzen in der Schwangerschaft anfühlen. Nicht alle Frauen erleben diese Wundheit, auch ist der Zeitpunkt recht individuell. Einhergehend kommt es jedoch oft zu einer innerlichen Irritation (oftmals gepaart mit innerlich aufsteigender, eigentlich von der Mama aber garnicht beabsichtigter, Aggression in der Situation; Newton Studie von 1979: 57%). Atemtechniken von der Geburt, verschiedene Stillpositionen, hypoallergene Lanolinsalbe oder eine richtige Anlegetechnik (ohne Kleinkind-Turn-Experimente 😉 ) bzw. die Milch vor dem Stillen zum Fließen zu bringen können hier vielleicht etwas Linderung schaffen. Ältere Kindere lassen sich oft auch durch normale Nahrung, den Vater oder kleine Stillrituale (z.B. nur sanft/kurz nuckeln) ablenken bzw. vertrösten, um das Stillen bei Bedarf zeitlich einzugrenzen.

Die Reduktion der Milchmenge (Newton Studie von 1979: 65%)  wird hormonell gesteuert und ist somit nicht vermeidbar. Meist bemerken Mütter um den vierten/fünften Lebensmonat einen spürbaren Rückgang. Für Kleinkinder, welche bereits viel solide Kost aufnehmen, ist die Reduktion unbedenklich – sie weichen automatisch auf eine verstärkte alternative Nahrungsaufnahme vom Familientisch aus. Aufmerksamkeit ist jedoch bei sehr jungen Stillkinder (unter 1 Jahr) angebracht, welche noch viel oder vollgestillt werden. Hier gilt es Gewichtsverlauf und Entwicklung gut im Auge zu behalten, da potentiell ein Zufüttern notwendig werden kann!

Müdigkeit ist ein gängiges Begleitsymptom einer Schwangerschaft, Stillen zehrt im Normalfall nicht aus. Regelmässige Stillzeiten können hier mit aktivem Kleinkind jedoch wertvolle Ruhemomente für die Mutter darstellen.

Mit wachsendem Bauch wird das Stillen etwas kreativere Stillpositionen erfordern, wobei das seitliche Stillen noch recht angenehm klappt.

Die Schwangerschaftshormone der Mutter gehen nur in Spuren in die Muttermilch über und haben somit kaum Auswirkungen auf das Stillkind.

Wie sich eine Mutter schlussendlich mit ihrer Entscheidung fühlt, hängt stark vom Umfeld ab. Wird ein stillendes Kleinkind von der Öffentlichkeit noch heute leider oftmals bereits kritisch beäugt, so kann ein Stillen in der Schwangerschaft und erst recht ein potentiell späteres Tandemstillen Vorurteile zusätzlich verstärken. Hier ist es mehr denn je wichtig, sich über seine Entscheidung und Gefühle im Klaren zu sein und sich bei Bedarf Rückhalt von Gleichgesinnten (z.B. Stillgruppe) zu holen! In der Öffentlichkeit kann ein Tuch oder ein Schal beim diskreten Stillen helfen, wenn die Mutter in Sorge ist, ein Stillen beider Kinder könnte in einem Spießrutenlauf enden.

Abstillen ja oder nein?

Für mich war ein geplantes Abstillen während der Schwangerschaft irgendwie kein Thema. Wir reduzierten jedoch stark die Frequenz. Hatten mein Sohn und ich nachts bereits im ganzen zweiten Halbjahr „geübt“, nur mit Kuscheln, oder einem Schluck Wasser weiterzuschlafen (er hatte bis ca. 20 Monate ein Faible dafür, alle 1-3 Stunden nachts andocken zu wollen …), so schien er nun auch zu spüren, dass mir in den ersten Monaten vorallem die Schmerzen beim Stillen Unbehagen bereiteten. Stillen wurde so vorrangig nur noch zum Einschlafen mittags und abends eingefordert; zwischendurch nuckelte er häufig nur wenige Augenblicke lang oder bis ich ihn bat loszulassen. Nachts reichte meist ein wenig streicheln. Irgendwie arrangierten wir uns hier also fast automatisch umeinander.

Es gibt kein richtig oder falsch bei Thema Stillen in der Schwangerschaft bzw. Tandemstillen. Nur die Mutter allein kann für sich und ihr Kind die Bedürfnisse evaluieren und entsprechend ihres Bauchgefühls agieren. Was braucht mein Kind emotional? Ist die aktuelle Familiensituation entspannt oder stehen grosse Veränderungen an? (z.B. Eingewöhnung im Kindergarten, imminente Geburt, Trennung vom Partner, Umzug, Todesfall nahestehender Personen u.ä.). Und am wichtigsten: Was empfinde ICH als harmonisch in der Situation?  Gerade in dieser sensiblen Zeit ist es wichtiger als je zuvor, als Mutter auf sich selbst zu schauen!

Vor dem zweiten Geburtstag stehen neben starken emotionalen Themen auch gesundheitliche Vorteile für das Kind im Mittelpunkt (z.B. Immunsystem), doch es liegt in der mütterlichen Verantwortung jederzeit eine (temporäre oder permanente) Grenze zu ziehen, wenn sich in ihrem Inneren ein ungutes Gefühl meldet!

Oftmals reicht es, sich in den in der Schwangerschaft und v.a. Wochenbettzeit in Phasen mit ambivalenten Gefühlen sich nochmals die für die Mutter persönlich zur Stillentscheidung geführten Gründe vor Augen zu halten. Oder, abhängig vom Alter, dem Kind den Busen nur zu fixen Zeiten (z.b. Einschlafen) oder Orten (z.b. nur daheim am Sofa) anzubieten. Gerade ältere Kinder akzeptieren es auch, nach kurzem Nuckeln (z.b. für Dauer eines Reimes, Lied, Zählen) oder auf mütterliche Bitte hin, die Brust wieder loszulassen. Anregende Alternativen (Spielen, ein Getränk/Nahrung, Kuscheln) können ebenfalls helfen, wenn die Schmerzen unerträglich sind und/oder die Mutter spürt, dass Stillen jetzt nicht auf gleichwertiger, liebevoller Ebene stattfinden kann.

Die Mutter sollte sich auch klar werden, wie sie dem Kind gegenüber Schwangerschaftsbeschwerden, welche die Stillbeziehung betreffen, erklären. Viele ziehen es vor, das Baby auszuklammern, wenn es um wunde Brustwarzen u.ä. geht, um dem Neugeborenen nicht die Schuld zuzuweisen. Spätestens nach der Geburt sehen sich dann viele Mütter mit der Frage konfrontiert, wieso das Neugeborene mehr/alles trinken darf, und das ältere Geschwisterkind vielleicht weniger/nichts. Eine ehrliche, wertschätzende Kommunikation über die eigenen und individuellen Bedürfnisse, Experimentieren mit den Möglichkeiten und Geduld aller Beteiligten sind wichtige Bausteine einer gelungenen Beziehung unter diesen Umständen!

Egal ob vor, während oder nach der Schwangerschaft, vom Kind oder seitens der Mutter die Entscheidung zum Abstillen getroffen wird: Die Situation ist so zu gestalten, dass es für Mutter und Kind in Ordnung ist.

Hab ich dann überhaupt Kolostrum?

Ab ca. der 22. SSW merkte ich, das wieder Milch aus der Brust kam und auch die Wundheit/Irritation deutlich abnahm. Kurz davor begann mein Sohn sich nach dem Stillen aber die Zunge abzuwischen, hie und da gekoppelt mit einem „Bääh!“ und der Bitte um Wasser, wie wenn er einen unangenehmen Geschmack loswerden wollte. Vom Stillen abhalten ließ er sich aber nicht. Im Gegenteil, endlich kam aus seiner heißgeliebten „Teta“ wieder feine „Milch“, und er dockte wieder mehr denn je an! Der Übergang der Milchumstellung in der „Milchfreien“/spärlichen Zeit hatte aber offenbar auch seine Nebenwirkungen: Mein ach so gesundes Kind fing sich kurzerhand plötzlich jeden Schnupfen und jeden Virus ein und kränkelte öfter als in den zwei Jahren zuvor!

Das fürs Neugeborene so wertvolle Kolostrum wird etwa ab der 2. Schwangerschaftshälfte gebildet. Viele Stillkinder lehnen den im Vergleich zu reifer Frauenmilch veränderten Geschmack  (Natrium und Kalium wird erhöht, Kalzium, Laktose und Glukose werden vermindert) ab und entwöhnen sich in dieser Zeit selbst, manche allerdings stillen munter weiter, andere wiederum wollen nach einer längeren Pause nach der Geburt wieder am Busen kosten oder häufiger stillen. Kleiner Hinweis am Rande: Häufig lässt sich parallel zur Umstellung der Milch ein veränderter, weicherer Stuhlgang beim Stillkind beobachten, da Kolostrum eine abführende Wirkung hat.

Anfang der Siebziger Jahre stellte Dr. Alan Walker in seinen Untersuchungen in Boston fest, dass bei während der Schwangerschaft stillenden Frauen während und nach der Geburt nicht nur mehr Kolostrum gebildet wird, sondern dass auch der Milcheinschuss eher einsetzt. Es wird somit also genug Kolostrum für das Neugeborene vorhanden sein, unabhängig wieviel das ältere Kind vor der Geburt stillt, und auch nach dem Milcheinschuss wird sich der Körper gegebenenfalls an zwei Kinder anpassen und beiden Kindern mühelos gerecht werden!

Tandemstillen?

Für mich ist momentan das Thema Stillen nach der Geburt unseres zweiten Kindes noch ein einziges Fragezeichen, sollte es dazu kommen, stehe ich dem Thema allerdings offen gegenüber. Jetzt, in der 20. Woche macht mein Sohn noch keinerlei Anzeichen, seine „Teta“ loslassen zu wollen und stillt wieder lieber denn je nach den letzten „sparsameren“ Wochen. Wir werden also sehen, ob ich euch dann ab dem Sommer auch eigene Erfahrungen erzählen kann! Von meiner Familie wird die für mich aber völlig natürliche Idee eher mit Skepsis betrachtet. „Nun nütz es aus und still ihn jetzt ab!“ höre ich häufig. Aber wenn ich an die letzten zwei Jahre zurückdenke, so war immer eine gewisse Still-Skepsis vom Grundtenor im Raum und am Ende stellten alle fest, wie toll und liebevoll rückblickend die zuvor kritisierten Situationen eigentlich waren. Ich hoffe somit hier auf einen „Sinneswandel“, wenn sie Tandemstillen einmal live erleben (meine Family hat meist nach ca. 3-4 Monaten damals alle Kinder abgestillt, hier fehlen also auch verständlicherweise Erfahrungswerte!).

Unter Tandemstillen versteht man das Stillen von zwei (oder mehr) Kindern verschiedenen Alters. Viele Mütter entscheiden sich aufgrund nahe beieinander liegenden Geburten eher ungeplant dafür, wenngleich es in unserem Kulturkreis insgesamt ein eher seltener, mit vielen Vorurteilen behafteter, Anblick ist.

Viele Kinder, die sich in der Schwangerschaft abgestillt haben, kommen nach der Geburt erneut auf den Geschmack. Ist es für Mütter der Wunsch, die Verbindung zum älteren Kind in der neuen Familiensituation zu halten, so ist es für die älteren Kinder meist eine Art Rückversicherung, dass die Mutter es trotz der neuen Familienverhältnisse immer noch liebt. Die Praxis zeigt, dass die Transition zum neuen Familiengefüge oft entspannter verläuft und tandemgestillte Kinder häufig eine sehr innige Beziehung entwickeln. Beim gemeinsamen Stillen werden sie sich gerne die Brüste teilen, sich gegenseitig berühren und streicheln. Tandemstillen ist jedoch keine Garantie für einen unproblematischen Übergang – von Wut bis pure Freude kann ein Kleinkind eine große Palette an Emotionen aufweisen. Realistische Erwartungen, viel Mutterliebe und eine offene Kommunikation sowie etwas Humor sind bei den zu erwartenden Herausforderungen eine große Hilfe !

Wie oben bereits erwähnt, kann das Tandemstillen wie auch Stillen in der Schwangerschaft in manchen Momenten bei der Mutter ungewollt negative Gefühle, quasi eine „Kontakt-Überdosis“, heraufbeschwören. Diese Gefühle sind natürlich und vielleicht ein Mechanismus der Natur, um uns adäquat um unser Jüngstes, das unseren größten Schutz bedarf, um in dieser Welt zu überleben, zu kümmern. Auch hier kann es helfen, sich auf die persönlichen Gründe fürs (Tandem-)Stillen zu konzentrieren, aber sich auch zugestehen, das ältere Kind zu vertrösten oder vom Vater ablenken zu lassen, wenn die Stimmung ins Negative zu schlagen droht o.ä..

Es macht somit Sinn, einen Vater frühzeitig in das Thema Tandemstillen einzubeziehen, ihm seine Rolle dabei zu erklären und festzulegen, wie er seine Partnerin am Besten unterstützen kann! Ob als Spielpartner für das ältere Kind, oder um das Kleine zu beruhigen – sein Wert in der Gestaltung einer harmonischen Tandemstillbeziehung darf nicht unterschätzt werden! Und trotz der stressigen Zeit mit zwei (oder mehr Kindern) sollte die gemeinsame Paarzeit nicht völlig unter den Tisch fallen.

Mythen & Fakten – Worauf achten beim Tandemstillen?

Wie beim Stillen in der Schwangerschaft, ist es auch während der Tandemstillzeit für die Mutter sehr wichtig, auf ihre Ernährung zu achten! Ein vermehrtes Hunger- und Durstgefühl ist natürlich und sollte ernst genommen werden!

Ist das Baby erst auf der Welt, sollte es in den ersten Tagen beim Stillen Vorrang haben, um ausreichend Kolostrum und die wertvollen, darin enthaltenen, Abwehrstoffe zu erhalten. Möglicherweise fordert auch das ältere Kind nun ebenfalls ungewohnt vehement seinen Platz an der Brust ein. Wird ihm dieser nicht verwehrt, wird es nach kurzer Zeit wieder zu seinem alten Stillrhythmus zurückkehren.

Per se kann beiden Kindern beim Trinken abwechselnd beide Brüste angeboten werden. Der Wechsel wird nicht nur durch die unterschiedlichen Trinkmuster bedingt, sondern fördert auch de Hand-Augenkoordination an und sorgt für den Erhalt der Vorder- und Hintermilch. Eine gesunde, ausgewogen ernährte Frau kann hierbei genug Milch für mehrere Kinder produzieren! Sollte das Kolostrum noch vorrangig dem Neugeborenen zugute kommen, so kann auch das ältere Kind ab Milcheinschuss als erstes an die Brust. Vor allem bei einem starken Milchfluss kann dies auch für das Neugeborene angenehmer sein, wenn der Milchspendereflex schon zuvor ausgelöst wurde. Kein Kind wird bei entsprechender Nachfrage (nach Bedarf gestillt) zu kurz kommen – viele Tandemstillmütter berichten eher von einem „problematischen“ Milchüberschuss, denn Mangel!

Krankheiten machen es in der Regel nicht nötig, die Brüste auf die Kinder aufzuteilen, denn bricht eine Infektion erst aus, so waren die Erreger bereits Tage zuvor präsent! Sinnvoll kann die Maßnahme jedoch im Falle einer Pilzinfektion (z.B. Soor) sein!

Ein bisweilen erforderliches, gleichzeitiges Anlegen beider Kinder kann manchmal Kreativität erfordern. Bewährt hat es sich z.B. erst das jüngere Baby im Rückengriff anzulegen und das Kleinkind dann seine eigene Position finden zu lassen.

 


Quellen: