Breifrei Baby Led Weaning Tatje Bartig Prang

„Breifrei“ von Tatje Bartig-Prang. Buchcover.

Vor kurzem flatterte das noch relativ druckfrische Buch von Tatje Bartig-Prang „Breifrei – Baby-Led Weaning: Einmal kochen – alle essen mit“ hier ins Haus.

Ungeduldig hatte ich es bereits erwartet, da ich Tatje und ihren Wissens- & Ausbildungshintergrund doch schon länger über Social Media kenne. Ich hatte also von Haus aus, aber auch durch meinen eigenen Background als Mama und durch meinen Fortbildungen im Hintergrund hohe Erwartungen an ihr Buch: Ich wollte viele wichtigen Informationen für die Praxis von Baby Led Weaning kombiniert mit theoretischem Wissen aus der aktuellen Säuglingsernährungsempfehlung sehen. Ob sie meinen Erwartungen entsprechen konnte, könnt ihr in dieser Rezension herausfinden:

Zur Autorin:

Tatje Bartig-Prang ist Autorin mehrerer Bücher („Pipi.Kacka“, „Autogene Geburt“),  Journalistin und Coach. Sie studierte Kulturwissenschaften und Communication Arts an der Sorbonne in Paris, der Europa Universität in Frankfurt (O.) und der Framingham University bei Boston. 2002 erlangte Sie ihren Bachelor, 2004 ihren Master of Arts. Sie hat langjährige Erfahrung in der Familienbildung und arbeitet seit 2007 freiberuflich, seit 2011 in eigener Praxis. Nach der Geburt ihrer eigenen Tochter stellte sie einen Mangel an ganzheitlichen Angeboten für Mütter, Schwangere, Familien  und Kleinkinder fest, weshalb sie begann kulturwissenschaftlich-ethnologisch orientierte und interdisziplinäre Kurskonzepte für Familien und Kinder zu entwickeln. Ihre diverse Angebote rund um entspannte Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit (Trageberatung, Breifrei, Stoffwindeln/Windelfrei, Stillberatung, Hypnobirthing) bietet sie in Ostenfelde, bei Rendsburg (D), an.
Tatje ist ausgebildete Hypnotiseurin des Thermedius Instituts, Hamburg und Vorstandsmitglied des Tragenetzwerk e.V.. Neben der Arbeit mit privaten Klienten ist sie in der Redaktion von Fachratgebern, Fortbildungen für pädagogisches und medizinisches Personal sowie Vorträge an Weiterbildungseinrichtungen, Praxen und Instituten aktiv tätig. In diesem Kontext ist sie als Ausbildnerin für Fachberater für das Breifrei Konzept am Bekanntesten.

Das Buch – erfrischend undogmatisch

Das im Triasverlag erschienene Werk im Softcoverumschlag umfasst 150 Seiten im handlich-schlanken Design. Bereits im Vorwort (p.7) kommt Tatjes Charakter, sofern man ihre Beiträge und Kommentare auf Facebook kennt, in ihrem Schreibstil deutlich hervor:

„Ich habe eine gute & eine schlechte Nachricht für Sie. Zuerst die schlechte: Sie bekommen von mir keinen Beikostplan. Sie werden nicht wissen, wann Sie ihrem Baby was und in welchen Mengen zu essen geben müssen. Oh Schreck, denken Sie jetzt vielleicht. Dann kann es ja passieren, dass ich mein Kind völlig falsch ernähre? Vielleicht isst es dann zuviel, zu wenig, zu früh, zu spät oder bekommt dieses oder jenes nicht in der genau richtigen Menge?“

Damit spricht sie – neben dem Angstthema Verschlucken – die größten Bedenken von Eltern, aber auch Ärzten, hinsichtlich Breifrei/Baby Led Weaning an. BLW ist nicht kontrollierbar oder planbar, sondern wird stark von Babys Vorlieben, aber auch unserer Angebotsvielfalt bestimmt.

Wer mit 17 Wochen Beikost stur nach Plan Nahrung anbieten will, wird bereits im Vorwort das Buch eher enttäuscht weglegen. Die Beikostreifezeichen sowie ungefähre 6-Monats-Grenze stellen auch für Tatje die Basis der Beikosteinführung nach dem Breifrei-Konzept dar.

Theoretischer Teil von „Breifrei“

Auf den ersten 69 Seiten, welche auch mit Kind sehr leicht in der Seitenanzahl an einem Abend lesbar sind, stellt die Autorin erstmals die in vier Kapiteln die theoretischen Grundlagen dar:

„Adieu Pürierstab, Tschüss Gläschen“ beginnt mit einem kleinen Exkurs in die eigenen Erfahrungen der Autorin rund um Beikost und wie sie zu Baby Led Weaning fand. Anhand von fünf klassischen Elterntypen zeigt sie verschiedene Zugänge zum Thema Breifrei, und wie individuell sich das Konzept von jeder Familie umsetzen lässt und dass es nicht nur DEN EINEN korrekten Weg gibt. Welche Vorteile hat BLW? Warum die Vorbildwirkung, entspanntes Zurücklehnen und Vertrauen in die kindliche Kompetenzen für die Ernährung viel wertvoller sind, als krampfhaft mit Zwang und Manipulation Brei in ein Baby zu bekommen, aber auch warum ein Füttern mit dem Löffel kritisch betrachtet werden sollte, beleuchten die Folgeseiten. Weiters definiert sie den Begriff Baby Led Weaning/Breifrei und beleuchtet kritisch warum Fingerfood nicht unbedingt mit Baby Led Weaning ident ist. Für Schnellstarter hat es zum Abschluss des Kapitels einen 10 Punkte Plan, um zu erkennen ob das eigene Baby bereits bereit für Beikost nach dem Baby Led Weaning Konzept ist. Hierbei richtet sie sich in den Punkten stark nach den Empfehlungen der WHO (Milchnahrung nach Bedarf, ausgewogene Kost, mehrere Mahlzeitengelegenheiten pro Tag) und Gil Rapleys Grundlagenbuch (Beikostreifezeichen, aufrecht sitzen etc.).

Im Kapitel „Über den Tellerrand“ macht sich die Autorin auf das Aufdecken von Beikostmythen: Warum es Beikost statt Anstattkost heißt, dass auch Stillen über das erste halbe Jahr/Jahr nur Vorteile bringt und wie im Falle einer Flaschenfütterung am Besten gefüttert wird. Wie werden Kinder in anderen Ländern ernährt? Seit wann herrscht die Ansicht, dass einem Baby Brei gefüttert werden muss, um sich gut zu ernähren? Wie schaut es mit Fertigmenüs für Babys und Kinder in verschiedenen Ländern aus und sind wir Mütter heute tatsächlich nicht mehr fähig, eine entsprechende Auswahl frischer Nahrungsmittel auszuwählen, um unsere Kinder gut zu ernähren? Abschließend hat es eine schöne Sammlung von Tipps beim auswärts Essen im Restaurant mit einem Breifrei-Baby bzw. zur Zahngesundheit.

In „In die Finger fertig los“ wird es richtig praktisch! Nun hat das Baby erstmals den elterlichen Teller in einem unbeobachteten Moment leergeräumt und klar gezeigt: „Ich bin soweit“. Doch womit starte ich am besten? Was ist eine „richtige“ Ernährung? Was wenn mein Kind sich verschluckt? Warum „be-greifen“ so wertvoll ist und welche Entwicklungsschritte im Laufe der Essentwicklung auftreten und wie sich diese auf die Speisenauswahl auswirkt. Mich zum Schmunzeln brachte hier Tatjes augenzwinkernder Exkurs zu Mythen und „Quatsch“ aus der Onlinewelt, wie man sie in Mutterforen so oft liest: Von ein Jahr Vollstillen um jeden Preis, dem bösen Zucker, Quetschiefans und dem Wundermittel Kokosöl. Oder ob es für Breifrei eigene „babytaugliche“ Rezepte braucht und ob Dinkel hier die einzige Wahrheit ist. Oder wie wahrscheinlich Mangelernährung bei einem BLW-Baby ist. Abschließend werden die für Baby ungeeigneten und potentiell riskanten Lebensmittel angeführt.

Aber: es sind alles nur Möglichkeiten, kein MUSS, wie der Familientisch mit einem Breifrei-Kind gestaltet werden kann, so beginnt „Grau ist alle Theorie“. Als erste Inspirationsmöglichkeit dient die Anleitung für ein Foodboard, um beliebte Familienrezepte zu sammeln und rasch das Wochenmenü vorzuplanen oder einfach eine Antwort auf die ewige Frage „Was koche ich heute?“ zu finden. Aber auch der immerwährende Einkaufszettel kann manche Planung vereinfachen.

Details, was eine gesunde Ernährung ausmacht, welche Ausstattung es braucht, und Tipps, um manche Speisen ohne Zucker, Alkohol, Fix-Tüten u.ä. zu pimpen, runden den theoretischen Teil ab.

Der Rezeptteil:

Auf über 70 Seiten stellt Tatje Bartig-Prang über 80 Rezepte vor. Diese werden im Zutatenregister am Buchende auch nochmal nach Zutaten sortiert aufgelistet.

Viele Rezepte verfügen über Labels wie „einhändig essbar“, wenn ein Baby am Schoß sitzen will, „Einhändig kochbar“, für Babys welche gerade von Mama am Arm gehalten werden wollen, und „aus Vorräten“, wenn es mit dem Einkauf einmal einfach hinten und vorne nicht klappte. Weiters werden sie in die Kategorien „Frühstück“, „Hauptgerichte“, „aus dem Suppentopf“, „Für Zwischendurch und to go“, Einfach und pur FERTIG“, „Desserts & Gebäck“, „Feste feiern mit Baby“ unterteilt.  Bei den letzteren Rezepten wird z.B. auf saisonales Obst- & Gemüse geachtet.

Die Gerichtauswahl ist sehr vielseitig, bodenständige Küche kombiniert mit exotischen Elementen. Auf Vielfalt bei den Zutaten (verschiedene Getreidesorten etc.) wird großen Wert gelegt. Nurella, Mango-Mie, Süßkartoffeltoast mit Mandelmus, Erdbeer-Minz-Piroggen sind nur eine Handvoll wohlschmeckend klingender Speisen, bei denen einem spätestens bei den ganzseitigen Fotoillustrationen der Mund wässrig wird!

Die Zutatenliste ist meist eher kurz und korrekt dosiert für 3-6 Portionen angegeben, leicht käuflich erhältlich und mit den daheim meist ohnehin vorhandenen Lebensmitteln in recht kurzer Zeit (meist unter 1 Stunde) auch mit Kind(ern) um einen herum gut nachkochbar. Die Anleitungen sind gut strukturiert und auch für Kochlaien einfach nachvollziehbar. Und: sie gelingen garantiert! Auch mengenmäßig wurden bei uns 2 Erwachsene und ein Kleinkind optimal satt!

Optische Aufbereitung

Die Aufmachung wirkt insgesamt sehr hochwertig und attraktiv. Das Buchformat stellte sich als beim Kochen sehr handlich dimensioniert heraus und auch kleine Kochspritzer ließ das Cover gut abwischen, ohne Spuren zu hinterlassen. Schwarze Schrift mit orangen Highlights und Überschriften geben dem Buch eine optisch sehr ansprechende und übersichtliche Struktur. Mehrere ganzseitige bunte Bilder, speziell im Rezeptteil, machen Lust auf das Abenteuer Breifrei und das Kochen!

Meine Meinung zum Buch „Breifrei“ von Tatje-Bartig Prang 

Für den Umfang finde ich das Buch sehr gelungen. Die richtige Dosis Wissen wird in knackiger Form zusammengefasst. Offen bleiben kaum noch Fragen. Ich persönlich vermisse einzig am Rande noch genauere Referenzwerte und Ernährungshinweise für das 1. Lebensjahr (wieviele Milchprodukte, welche Fischsorten wenig belastet sind, ab wann ein Kind zusätzliche Flüssigkeit ausser Muttermilch/Flasche benötigt etc.), da diese auch für Baby Led Weaning Kinder von Relevanz sind. In dieses Thema könnte man sich aber auch z.B. über die Expertenversion der österreichischen Beikostempfehlung „Richtig Essen von Anfang an“ ergänzend in kurzer Zeit bei Interesse einlesen. Hier erkenne ich aber in der Entscheidung darauf zu verzichten, auch gut Tatjes Art, welche gerne lieber weniger Rahmen gibt, um hier Eltern durch zu rigorose Vorgaben nicht zu verunsichern.

Begeistert ist unsere ganze Familie von den Rezepten. Viele BLW-Bücher bieten zwar nette Rezeptideen „für den Familientisch“, aber letzten Endes schmecken diese in der Konsistenz und Geschmack weiterhin nach Babyrezepten: fade, matschig etc..

Bei Tatje Bartig-Prangs Rezepten handelt es sich aber tatsächlich um „normale“ Rezepte für alle Familienmitglieder. Salz, Zucker, Topfen – alles Produkte, welche in vielen BLW-Rezepten meist gemieden oder mit Alternativen ersetzt werden, kommen bewusst bei Bedarf darin vor (aber können hier natürlich auch von Eltern individuell weggelassen oder wenn möglich erst am Teller beigefügt werden). Auf meine Rückfrage bei der Autorin diesbezüglich, sei dies z.B. bei Topfen bewusst von ihr nicht abgeändert worden, da sie die Meinung vertritt, dass ein selbstbestimmt essendes Baby, wenn keine Fertigprodukte im Spiel sind, hier nicht mehr als es benötigt aufnehmen wird, bzw. manche Speisen, wie z.B. Eis von einem Baby ohnehin nur in minimalen Mengen verzehrt wird. Wir haben bereits einige Gerichte praktisch nachgekocht, und nicht nur das ansonsten eher heikle Kleinkind aß überraschend gerne mit, auch der eher neuem gegenüber skeptische (und bei uns vorrangig kochende) Vater schlug wenige Tage darauf vor, z.B. die Quesadillas gleich nochmals zu kochen!

Für frisch startende Baby Led Weaning Eltern auf der Suche nach etwas Theorie gekoppelt mit neuen Rezeptideen, aber auch für bereits erfahrene Breifrei-Familien, ist das Werk von Tatje Bartig-Prang definitiv für sich oder kombiniert mit der Lektüre von Gil Rapley sehr empfehlenswert und eine schöne Erweiterung einer jeden Breifrei-Bibliothek! Undogmatisch, ohne Perfektionsdruck sich individuell an jede Familie und deren Alltag anpassend, aber den Kern von Baby Led Weaning – nämlich eine SELBSTBESTIMMTE, BABY-GEFÜHRTE Ernährung & Entwöhnung auf den Punkt gebracht.

Brei bevorzugende Eltern werden nicht verurteilt, aber Tatje weist anhand konkreter Erklärungen auf potentielle Nachteile und Probleme bei dieser Beikostform hin, und worauf ggf. geachtet werden sollte, falls sich Breifrei einfach nicht als der Weg für eine Familie herausstellt. Sie differenziert aber sehr wohl in ihrer Definition von „Breifrei“, dass dahinter mehr steht als einfach nur hie und da Fingerfood anbieten: weil ein Baby vielleicht Brei verweigert, oder weil „Breifrei“ als Synonym für „selbstgekochter Brei + Fingerfood“ ja viel cooler wirkt (und auch als solches von mancher „Breifrei“-Autorin vermittelt wird a la „wir sehen das nicht so streng“), sondern das dahinter eine innere Geisteshaltung steht: Das Kind wird in seiner Kompetenz seine Ernährung instinktiv selbst zu gestalten und sich selbst zu füttern respektiert und wir als Eltern begleiten es auf diesem Weg bis zur kompletten Milchentwöhnung, geben ihm aber nicht vor, was und in welchen Mengen es wann zu essen hat und bis wann es sich abzustillen hat.

Und genau dafür bin ich ihr sehr dankbar, da sich, gerade in Onlinegruppen, in den letzten Monaten viele falsche Vorstellungen in die Definition von „Breifrei“ als deutsche Übersetzung von „Baby Led Weaning“ geschlichen haben, und die Kernidee der kindlichen Kompetenz und diese bewusste Entscheidung, sein Kind nicht ab Beikostbeginn durch bewusste, häufige oder permanente Löffelfütterung in seinen Instinkten zu stören, dabei am Weg oft verloren ging.

Meine Erwartungen wurden an Tatje wurden auf alle Fälle vollständig erfüllt und wir nützen das Buch sicher auch noch weiter, wenn beide Kinder schon lange aus dem Baby Led Weaning entwachsen sind! Absolute Kaufempfehlung von meiner Warte!

 

Details zum Buch: 

Tatje Bartig-Prang: Breifrei. Baby-led Weaning: Einmal kochen - alle essen mit.
ISBN/EAN: 978-3-432-1044-6 (auch erhältlich als E-Book)

Sprache: Deutsch
Umfang: 152 Seiten, 40 Abbildungen, broschiert, 16.1 x 1.5 x 21.7 cm
Preis: € 14,99 (D), € 15,50 (Ö)
Erschienen am 26.4.2017 im Trias-Verlag

 

(Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise für die Rezension zur Verfügung gestellt.)