Mit „Lotta lernt essen“ publizierte Edith Gätjen 2009 ein umfassendes Büchlein zur Ernährung in der Schwangerschaft, Stillzeit und in Baby’s erstem Lebensjahr. Mein Rezensionsexemplar, welches mir vom TRIAS Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, entstammt der aktualisierten 2. Auflage von 2017.

Bei Lotta handelt es sich um Frau Gätjens Enkeltochter. Anhand ihrer Geschichte rund um die Beikosteinführung und spätere Kleinkindernährung hat die Autorin für die gleichnamige „Lotta“-Buchserie eine schöne Hintergrundgeschichte gesponnen, um der trockenen Theorie rund um die Babyzeit viel Leben und Praxisnähe einzuhauchen!

Zur Autorin

Edith Gätje (geb. 1962) ist in Köln ansässige Ökotropologin und Dozentin an der UGB-Akademie Deutschland (Bereich Ernährung und Bereich Lebensstile, u.a. leitet sie den Ausbildungsbereich für FachberaterInnen für Säuglings- und Kinderernährung) und seit 2017 Präsidentin des UGB. Sie leitet die Ausbildung „Stillberaterin in der Klinik“, und ist seit über 25 Jahren in den Bereichen Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit, Beikost und Kinderernährung, u.a. als Aus- und Fortbildnerin für Hebammen, Krankenschwestern und Eltern involviert. Sie ist Lehrbeauftragte für Hebammenwesen an der Universität Bochum. Sie ist weiters Systemische Familientherapeutin und Supervisorin.

Neben der Vollwertküche liegt Edith Gätjen auch insbesonder die Vermittlung der vegetarischen und veganen Familienernährung in Theorie und Praxis am Herz. Seit 2010 ist sie Expertin im Arbeitskreis „Gesund ins Leben – Netzwerk gesunde Familie“ des deutschen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Sie hat als Buchautorin zahlreiche Bücher zur Ernährung in Schwangerschaft, Stillzeit und Säuglings- & Kinderzeit veröffentlicht. Sie ist selbst vierfache Mutter und einfache Großmutter. In der Buchserie als „Ema“ tituliert, hat sie die Rolle von Lottas Oma, ihrem ersten Enkelkind, inne, deren Leben die Idee zum Buch inspirierte.

Zum Buch – erster Eindruck

Das Buch kommt im broschierten Paperbackformat mit 170 bunt bedruckten Seiten, wobei die letzten Seiten auf 4 herausnehmbare Rezept-Kartonkarten zum Anpinnen auf z.B. den Kühlschrank entfällt. Zahlreiche Grafiken von der Stuttgarter Grafik-Designerin Daniela Sonntag (auch bekannt aus den Büchern „Schlafen statt Schreien“ oder „Lotta lernt essen“) lockern den Text auf.

Inhaltlich teilt sich das Werk in 4 Sektionen: die mütterliche Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit, die Phase der Milchernährung, Beikost und ein Ausblick in den Übergang von Brei zum Familientisch.

Alle Kapitel sind durch ein vorrangiges Farbschema in grün-rot gut optisch gegliedert und die einzelnen Inputsektionen im Layout differenziert gestaltet: Theorie im zweispaltigen Fließtext, Tipps und thematisches Hintergrundwissen (z.B. Bestandteile von Muttermilch, Toxoplasmose, welchen Löffel nützen etc.) rot unterlegt und praktisches Erfahrungswissen zu thematisch relevanten Alltagssituationen auf grau-grünem Hintergrund.

Der Inhalt von „Lotta lernt essen“

Alle vier Kapitel informieren fachlich am aktuellen Wissensstand (zur Publikationszeit) orientiert. Das Buch am Stück durchzulesen macht wenig Sinn, da einem der Kopf dann an Informationen förmlich explodiert, da Fr. Gätjen wirklich keine noch so kleine, für das Thema Ernährung aber relevante, Information auslässt und in einer angenehmen, klaren Formulierung auch erläutert weshalb und wieso.

Im Abschnitt zur Ernährung der Schwangerschaft erhält die Mutter wertvolle Informationen zu den wichtigen Ernährungsbausteinen wie auch Mineralstoffe und Spurenelemente für diese sensible Zeit. Eine beispielhafte Auflistung verschiedener Speisen und Snacks gibt Anregung für eine ausgewogene Ernährung, um zwar „für zwei“ zu essen, aber nicht im Übermaß zu schlemmen. Sehr spannend sind auch ihre Beispiele, wieviel (oder eher wie wenig) denn nun wirklich extra gegessen werden müsste, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Auch hat sie gute Tipps, wie klassische Schwangerschaftsbeschwerden wie Sodbrennen, Wadenkrämpfe, Übelkeit etc. über die Ernährung gelindert werden können.

Das Kapitel zur Stillzeit beginnt als Plädoyer für die Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind – nicht als Dogmatisches „du musst!“, sondern Edith Gätjen vermittelt neben den Vorteilen von Muttermilch und Stillen auch die gesellschaftlichen Problematiken, welche heutzutage ein frühes Abstillen/nicht stillen mitverursachen und zeigt Wege auf, wie die Stillbeziehunggefördert werden kann. Über alle wichtigen, stillrelevanten Informationen, von der Wichtigkeit des ersten Anlegens (und dahingehend auch Tipps zur Gestaltung der ersten Momente) nach der Geburt, über Stillpositionen, bedarfsorientiertes Anlegen, frühe Hungerzeichen, aber auch Auskunft zu Ansprechpartnern bei Stillproblemen etc. wird Auskunft gegeben. Auch der Bedeutung einer ausreichenden Ernährung der Mutter, Stillen als Allergieprophylaxe, Stillen und Rauchen / Alkoholkonsum / Koffein wird Platz eingeräumt. In dem ganzen Thema nützt die Autorin auch die Möglichkeit, mit so manchen Mythen, wie „Meine Ernährung verursacht dem Baby Blähungen“ aufzuräumen. Für Mütter, welche nicht Stillen können oder wollen, und auf Formulanahrung zurückgreifen müssen, gibt ein umfangreiches Kapitel zur Pulvernahrung Aufschluss über Zubereitung und korrekte Flaschenfütterung. Speziell die schematische Übersicht zu den Inhaltsstoffen von Anfangs- und Folgenahrungen empfinde ich als eine sehr wertvolle Orientierungshilfe für Flaschenmütter, um ungeachtet der von Herstellern versprochenen Health Claims bzw. Werbeslogans für ihr Kind das beste Produkt zu wählen. Leider kontrastieren in dem Kapitel immer wieder ihre wirklich tollen fachlichen Kompetenzen mit etwas seltsam anmutenden pädagogischen Einstellungen bzw. veralteten Ansichten zum Stillen. Ein stündliches Stillen bzw. Stillen nach Bedarf nach den ersten Lebenswochen wird als eher negativ dargestellt (z.B. „zu oft trinken führt zu Bauchweh“ als Begründung für ein Hinauszögern einer Mahlzeit).

In dem Kontext musste ich auch stark schlucken, als ich im Abschnitt zur Beikost den Einschub zum nächtlichen Stillen las. Auf den ersten Seiten wird Beikost als lustbetonten, vom Kind selbstbestimmten Prozess beschrieben, einer langsamen Ablösung der Milchnahrung durch feste Nahrung. Ein gelegentliches Nicht-Essen sollte ebenfalls kein Grund zur Sorge sein, bzw. sollte Essen hier einfach spielerisch betrachtet werden. Leider wird bei der Erkärung der Beikostreife rasch klar, wer in Fr. Gätjens Augen eigentlich wirklich den Ton angibt: nicht das Baby entscheidet, wann es bereit ist, sondern in erster Linie muss die Mutter reif sein. Sie entscheidet vorrangig und „plant“ den Zeitpunkt, man könnte fast meinen nach ihrem Terminkalender („zwischen den Entwicklungsschritten“ und wie sie Zeit hat). Beikostreife aus kindlicher Seite ist hier auf Drehen und Kopf halten beschränkt. In meinen Augen widerspricht dies bereits einem vom Kind selbstbestimmten Prozess. Hier geht es aber auch weiter mit ihren Tipps und Tricks: Wenn ein Baby den Brei nicht annimmt, wird der Löffel eben voller gemacht um den Schluckreflex auszulösen, oder von Mutters Finger abgelutscht – doch nur alles eine Frage der Gewöhnung? Ein einfaches „Abwarten“ bis das Kind vielleicht 2,3 Wochen reifer ist, und vielleicht auch der Zungenstoßreflex, der noch hineinspielen könnte, wirklich verschwunden ist, wird an dieser Stelle aber nicht  mehr als möglicher Grund erwähnt, nur kurz drei Seiten zuvor. Leider wirken Fr. Gätjen Tipps hier eher als manipulative Möglichkeiten, wie man um jeden Preis etwas Essen ins Kind bekommt. Bestärkt wird der Eindruck über die immer wieder einfließenden Hinweise im Sinne „wenns Baby nachts nicht isst (ab 6 Monaten), wird es seine Essgewohnheiten tagsüber verbessern“. Also auch wenn Fr. Gätjen nicht müde wird, zwei Zeilen vorher zu schreiben, ein Baby bräuchte ja nicht mehr als ein paar Löffel tagsüber, weil es auch nachts ohnehin seine Milch bekommt, kommt es nicht glaubhaft als ihre persönliche Haltung herüber. Eher verstärken ihre nächtlichen Abstilltipps ab 6 Monaten, dass nicht einfach Alter/Entwicklung des Babys ein nächtliches Trinken erklären bzw. es für die kindliche Gehirnentwicklung auch notwendig ist nachts zu essen, sondern es gibt mir als Mutter eher ein Gefühl, dass das Baby doch bitte mehr essen MUSS tagsüber, weil was fällt ihm ein, mir als Mutter meinen heiligen Schlaf zu klauen, indem es sich an nächtliche Mahlzeiten „gewöhnt hat“.  6 bis 9 Monate sind hierbei noch dazu eine ohnehin sensible Zeit mit vielen Schüben, bei der tatsächlich bei vielen Müttern auch ein temporärer, umständebedingter Abstillwunsch, v.a. nachts, aufkommt, womit solche Empfehlungen leider erst recht auf sehr fruchtbaren Boden fallen – wenn eine Expertin dies schon vorschlägt wird es ja passen. Ohne Tränen, wie die Autorin behauptet, wird aber kein Durchschlafprogramm ablaufen, auch nicht unter dem Deckmantel „Ich stille doch nur nachts ab!“. Ein verfrühtes Abstillen oder der Wechsel zur Flasche als mögliche Folge der von ihr propagierten Praxis liegt hier in der Realität recht nahe auf der Hand.

Ich kann aus stillberaterischer Sicht dieses von ihr empfohlene Vorgehen keinesfalls unterschreiben oder empfehlen. Natürlich kann der Papa Nachts mal hie und da entlasten, wenn Mama keine Kraft mehr hat. Aber auch dann hat es andere Möglichkeiten, ohne dem Baby gezielt die Mutterbrust vorzuenthalten (z.B. der Papa lässt Mama an seinem freien Wochenende morgens ausschlafen, oder füttert hie und da eine Nacht lang bei Bedarf abgepumpte Muttermilch, während Mama ein paar Stunden oder sogar ganze ruhige Nacht genießt, um wieder zu Kräften zu kommen). Ein nächtliches Abstillen nach Gordon sollte frühestens mit dem 2. Lebensjahr, wenn für die Mutter die Situation wirklich unerträglich ist, angedacht werden.

Abgesehen von ihren in meinen Augen mit Vorsicht zu betrachtenden Tipps rund um die Stillpraxis gibt einem das Buch aber alle Antworten zum Thema Brei.  Wer hier heute „moderne“ Ansätze zur Säuglingsernährung sucht, wird vergeblich suchen. Fr. Gätjen hantelt sich im Buch ganz strikt an den Breifahrplänen entlang. In welcher Reihenfolge er eingeführt wird, welche Zutaten er benötigt, wie und in welcher Jahreszeit was eingekauft und zubereitet wird, worauf etc. – manchmal könnte einem vor lauter, dicht geballter Hardfacts beim Lesen förmlich der Kopf explodieren! Es half mir hier, das Buch in Etappen zu lesen bzw. es als Nachschlagelektüre immer wieder in Reichweite zu haben, denn die Autorin lässt wirklich keinen noch so nebensächlich erscheinenden Bereich aus.

Ein Ausblick auf den Übergang zur Familienkost und heraustrennbare Rezeptkarten mit den Basis-Breirezepten runden das Buch ab.

Baby Led Weaning Tauglichkeit

Für Baby Led Weaning ist das Buch nicht wirklich geeignet. Der Inhaltsfokus liegt durchwegs auf klassischer Breikost. Fingerfood ist eher Ausnahme denn Norm. Für Frau Gätjen ist BLW „eine gute Vorbereitung auf den Familientisch, aber nicht der Lebenswirklichkeit des 21. Jh. entsprechend.“ Sie vertritt hier eine Kombination aus Brei und Fingerfood als realistischer. Hierzu bietet sie auch eine Handvoll Rezepte für gesundes Gebäck.

Baby Led Weaning basiert laut ihr darauf, dass Eltern, damit Kinder am Familientisch teilnehmen können, monatelang nur nackte Obst-, Gemüsesticks und Fleischstücke essen. Sprich um eine gute Ernährung zu garantieren, muss sich die Familie ans Kinderessen anpassen. Das dies ebenso BLW-realitätsfern ist, wie eine Eignung von BLW auf „lang stillende Mütter“, „Familien mit viel Zeit“, und „Kinder, welche nicht fremdbetreut werden“ herunterzubrechen, wird jeder, der Baby Led Weaning praktiziert hat, wohl bestätigen können. Korrekt ist aber der Bedarf einer vollwertigen Ernährung bei der Wahl des Konzeptes!

Fazit zu „Lotta lernt essen“:

Mit „Lotta lernt essen“ hat Edith Gätjen einen Klassiker im Bereich der Beikostbücher bzw. Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit verfasst. Fachlich sehr fundiert und detailliert lässt es, speziell für Breikost, absolut keine Fragen offen.

Persönlich war ich jedoch aufgrund der oben genauer erläuterten Haltung von Fr. Gätjen zur Beikosteinführung bzw. (nächtlichen) Stillen bzw. Bevorzugung der mütterlichen Bedürfnisse vor dem kindlichen enttäuscht. Nächtliche Nahrung wird auch über das 6. Lebensmonat hinaus noch für die Gehirnentwicklung benötigt. Auch kann ich ihre Ansicht zu Baby Led Weaning nicht teilen – ihre Beschreibung des Konzepts hat mit der gelebten Realität von Breifrei wenig gemein.

Kurzum: Die von ihr beschriebene Theorie und Praxis hinterlassen bei mir ein sehr widersprüchliches Gefühl. Ich kann das Buch zwar als Sammlung an Fachinformationen wie Zubereitung, Ablauf etc. der Beikost empfehlen, möchte aber jedem Leser raten, sehr kritisch zu bleiben und auf seinen Bauch zu hören, speziell wenn es um ihre praktischen Tipps geht, da dabei oft die kindlichen Bedürfnisse des 1. Lebensjahr komplett übergangen werden zugunsten einer vom Erwachsenen dominierten, gezielten Erziehung zum Essen.

Lotta lernt essen

Quelle: TRIAS Verlag

Details zum Buch: 

Edith Gätjen: Lotta lernt Essen. Stillen, Milch und Babybreie
ISBN/EAN: 978-3-432-10493-5 (auch erhältlich als E-book) 
Sprache: Deutsch 
Umfang: 165 Seiten, 40 Abbildungen, broschiert, 17,2 x 1,5 x 20 cm 
Preis: € 14,99 (D), € 15,50 (Ö) 
Erschienen am 14. Juni 2017, 2. Auflage im Trias-Verlag




(Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise für die Rezension zur Verfügung gestellt.)

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