Zum 100. Mal in diesem Monat hetzte ich meinem Großen mit Strumpfhose und Leiberl hinterher. Ein Grund, warum rausgehen bei uns, speziell in letzter Zeit, allein eher ein Albtraum war (und manchmal noch heute ist). Das Kind rennt, mich inzwischen seit gefühlt einer Stunde mit „Nein! Nicht anziehen!“ anschreiend, sein Spielzeug, an welchem er eben noch baute festhaltend, durch die ganze Wohnung. Der Kleine schreit, will Aufmerksamkeit oder Brust. Mir rinnt der Schweiß herunter, meine Nerven liegen blank, werden wir doch in Kürze erwartet und sind vom im Auto sitzen MEILENWEIT entfernt. Ich merke, wie ich mit jeder Minute, die verstreicht, in meine alten Erziehungsmuster verfalle, versuche innerlich zu zählen. „Wenn… dann…!“ höre ich mich trotzdem sagen, unfähig in diesem Moment noch empathisch auf mein Kind zu reagieren, zugleich bin ich mir aber der ganzen Theorie bewusst, auch ihn verstehend: „er braucht noch Zeit für sein Bauwerk, wäre ich doch eher aufgestanden, sein Lieblingsleiberl ist leider noch nicht trocken“ usw..

Meine Mutter hätte uns einfach zwischen ihren Füßen eingeklemmt und ohne Wenn und Aber schreiend angezogen. Vermutlich Fernsehen gestrichen oder sonstwie mit Verboten zur Kooperation gezwungen – Der „Pawlowsche Hund“ war leider in meiner Kindheit Erziehungsvorbild.

Irgendwann schaffe ich es – alles andere als glücklich mit dem Weg dorthin – mein Kind zumindest mit Hose & Pulli sowie Schuhe zu bekleiden, das Baby für die paar Schritte in den Sling zu packen, Jacke und Haube vom Großen in der Hand (ich weiß, er will ohnehin wenn einmal im Freien die Wärme haben!) und ins Auto.

Und wenn ich dann vorm Steuer sitzend endlich durchatmen kann, mache ich 3 Kreuzzeichen, dass wir diesen Momente überlebt haben… WILLKOMMEN IN DER AUTONOMIEPHASE!

Wie man bei all der Wut, Sturheit, Streitigkeiten, Schreierei etc. noch gelassen bleiben und empathisch reagieren kann, möchte Susanne Mierau mit ihrem im Herbst 2017 erschienenen Ratgeber „ICH! WILL! ABER! NICHT!“ zeigen. Ein Ratgeber mehr zum Thema Trotzphase, der behauptet mit Regeln & Grenzen biegt man das Kind schon hin? *Surprise*: In der Regel „funktioniert“ das Kind nach der Lektüre eines solchen Ratgebers selbstverständlich auch mit einer gehörigen Portion Strenge und Konsequenz … NICHT. Einzig Eltern und Kind sind noch mehr voneinander genervt, unfähig aus dem Teufelskreis auszubrechen, spüren einander nicht mehr, bis am Ende in den meisten Fällen der kindliche Wille gebrochen wurde. Wer sich also ein klassisches Buch mit „Schritt für Schritt-Patentrezepten“ sucht, damit sein „kaputtes“ Kleinkind wieder makellos mittels Konditionierung mitspielt, wird vom Buch eher enttäuscht sein, denn all das ist Susanne Mieraus Buch definitiv nicht.

Mit dem 144 Seiten umfassenden Buch in handlicher Broschur erschien im GU Verlag nach u.a. „Schlaf, Baby“ (Herbert Renz-Polster/Nora Imlau) und „Was unsere Kinder brauchen“(Katja Saalfrank) ein weiteres beziehungs- und bedürfnisorientiertes Buch. Durch diesen in zahlreichen Buchläden mit ihren Baby-Ratgeber präsenten und beliebten Verlag wird dieser pädagogische Ansatz somit zunehmend „massenwirksam“, eine sehr positive Entwicklung in diesem Sektor!

Zur Autorin Susanne Mierau:

Wer ist eigentlich Susanne Mierau? Viele Familien, welche bedürfnisorientierte Erziehung als ihre pädagogische Richtung gefunden haben, kennen sie als Bloggerin von „Geborgen Wachsen“. Als 1980 geborene, in Deutschland lebende, Mutter dreier Kinder zwischen acht und zwei Jahren, hat sie an der Freien Universität Berlin Kleinkindpädagogik studiert. Bereits während des Studiums lag ihr Schwerpunkt im Bereich Elternbildung und –beratung. Nach dem Studium hat sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Kleinkindpädagogik gearbeitet und zum Thema „Elternberatung“ unterrichtet. Seit 2009 ist sie selbständig als GfG-Geburtsvorbereiterin und Gfg Familienbegleiterin und Heilpraktikerin, 2012 eröffnete sie ihre Praxis in Berlin-Tiergarten, hält zahlreiche Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über Elternberatung und kindliche Entwicklung. Auf ihrem Blog schreibt sie über geborgenes Aufwachsen, Elternschaft und einen achtsamen Lebensweg. Weitere Bücher von ihr sind „Geborgen Wachsen“ sowie „Geborgene Kindheit.“ und „Mein Schreibaby verstehen und begleiten.“ (erscheint im April 2018)

Erster Eindruck vom Buch:

Optisch ist das Buch durch farbige Überschriften wie auch Hintergründe in dezenten Pastellfarben ansprechend und übersichtlich strukturiert. Mehrere Schwarz-Weiß-Fotografien, welche die Kinderzeit widerspiegeln, lockern den Text auf. Unterstrichen werden Susanne Mieraus Texte von Weisheiten, Zitaten, Empfehlungen rund um das Thema Autonomiephasen, von Erziehungsexperten, Ratgebern, Kinderliedern u.a. aus dem beginnenden 20. Jh. bis heute. Sie geben einen lebendigen Einblick in die verschiedenen Erziehungsansichten wie auch Haltungen dem Kind gegenüber im Verlauf des letzten Jahrhundert bis heute. Dazwischen kommen auch Bloggerinnen mit ihren Erfahrungen zum Wort. Um das eben gelesene zu festigen bzw. zu reflektieren stellen kleine Übungen, z.B. zum bewussten Beobachten, dem Umgang mit Wut, praktische Anregungen für den Alltag.

Susanne schafft es, mit leicht verständlicher, blumiger Schreibweise jeden dort abzuholen, wo er steht: die Erstlingsmama, ohne pädagogische Vorerfahrung wird das Buch ebenso wertschätzen, wie die studierte Erziehungswissenschafterin!

Zum Buchinhalt:

Als Eltern sind wir es gewohnt, die Richtung vorzugeben und den Tag nach unseren Vorstellungen zu strukturieren. Doch auf einmal ist dies nicht mehr problemlos möglich, denn das Kind bringt seine ganz eigenen Vorstellungen in das Familienleben ein und vertritt sie, mal lauter, mal leiser. (Susanne Mierau, p. 7)

Bewundern wir anfangs noch jeden Entwicklungsschritt euphorisch, löst der eigene Willen der Kinder in uns Erwachsenen Ablehnung aus. In unser Vergangenheit haben wir gelernt, diese Konflikte mit Strafen und Drohungen zu unterdrücken, eine Anpassung zu erzwingen. Susanne Mierau jedoch öffnet für den Leser eine besondere Schatzkiste: aus negativen Zutaten wie Hilflosigkeit, Trotz, Sturheit, Machtspielerei wird positive Schätze wie Autonomie, Willensstärke, soziale Kompetenz. Das im Buch vermittelte neue Verständnis für den großen, ganzheitlichen Wert der „Trotzerei“ als Teil der kindlichen Entwicklung entlastet uns als Eltern. Es gibt uns neue Handlungsideen und Ressourcen, um unseren Nachwuchs auf ihrem Weg authentisch, liebevoll und die Bedürfnisse von Eltern wie auch Kindern achtend, zu begleiten.

Das Buch teilt sich in 6 große Kapitel:

  • Die Autonomiephase: Warum Kinder „trotzen“ müssen und ihr Gehirn keine anderen Reaktionen zulässt. Im Vergleich zum Erwachsenen „ticken“ Babys und Kleinkinder einfach anders, doch obwohl wir es vielleicht wissen, kommen wir aus unserer eigenen Erziehung schwer heraus.
  • die kindliche Entwicklung: Warum Autonomie und Selbstwirksamkeit essentiell in dem Lernprozess sind und wie Kinder im Laufe ihrer Entwicklung lernen, mit starken Gefühlen umzugehen. Wie können wir diesen Prozess fördern und stimmt es, dass Kinder freiwillig kooperieren?
  • unsere Erfahrungen aus der Kindheit: Warum sehen wir Trotzen so negativ?  Warum „triggern“ uns gewisse kindliche Verhaltensweisen? Können wir unserem Bauchgefühl trauen, oder kann es von der eigenen Erziehung verfälscht sein? Und wie können wir unsere Kinder empathisch begleiten, wenn zugleich gesellschaftliche Erwartungen auf uns lasten?
  • Kinder ticken anders: Liebe,Aufmerksamkeit, Körperkontakt, Beobachten und Reden als Schlüssel, um ein vom kindlichen Standpunkt sinnvolles Verhalten zu verstehen; was tun wenn die Wut über den Moment sich in uns breit macht und wir Eltern davor stehen, in alte Muster zu fallen?
  • In Streit-Ärger-Wut werden 8 klassische Bereiche für häufige Konfliktsituationen im Alltag (Schlaf, Essen, Aufräumen, Sauberwerden etc.) werden mit der Strategie „Hinsehen-Verstehen-Annehmen“ beleuchtet und in den Alltag integriert: Hintergründe aus der Evolution und kindlichen Entwicklung geben Einsicht in die Beweggründe, welche zum Konflikt führen konnten. Dazu gibt es mehrere Strategieanregungen, um die Situation zu lösen. Dabei handelt es sich jedoch nicht nach „Schema F: Sei konsequenter!“-Patentrezepte, sondern mehr Anregungen, welche die gesamte Familie in die Verantwortung nehmen, um eingefahrene, belastende Dynamiken aufzubrechen.
  • Eltern, Kinder, Grenzen vermittelt die Wichtigkeit eines reflektierten, verantwortungsbewussten Umgang mit Grenzen, einen Art Leitstern. Kinder brauchen ihren (wie Jesper Juul sagt) Leitwolf, ihre Grenzen, diese sollten aber nicht behindern oder willkürlich („Man“) gesetzt werden.

Am Ende ist doch alles nur eine Phase… oder nicht?

Autonomie ist keine Phase im Leben von Kindern, sondern ein steter Begleiter, den wir lernen müssen, in unser Leben einzubinden. Je mehr wir ihn annehmen, desto einfacher wird es und irgendwann fällt es uns gar nicht mehr auf, weil er einfach dazugehört. (Susanne Mierau, p. 139)

Fazit zum Buch:

Als ich mitbekam, dass Susanne Mierau ein Buch zur Autonomiephase mit dem Titel „Ich! Will! Aber! Nicht!“ herausbrachte, habe ich es mir natürlich sofort geholt. Zu gern las ich auf ihrem Blog ihre Texte und, auch wenn es unrealistisch war und ist, irgendwie erhoffte ich mir mit ihrem Buch in diesen Momenten der Verzweiflung den emotionalen Rettungsanker. Klar, absoluter Quatsch, denn ohne eigene Reflexion des Tuns und stetiges Bewussthalten der Thematik kann auch Susanne keine Wunder ausrichten, geschweige aus unserem Wutzwerg einen tiefenentspannten „funktionierenden“ Engel machen (was ich auch garnicht will, dafür liebe ich seinen Dickkopf-Charme zu sehr 😉 ), aber ihre Worte halfen mir, wenn wieder die Fetzen flogen, gelassener zu bleiben, durchzuatmen und einfach ohne Druck in die Situation zu gelangen. Auch wenn inhaltlich für mich kaum neue Ansätze (speziell wenn man z.B. das „Gewünschteste Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn“ bereits kennt) im Buch enthalten waren, genoss ich es sehr ihre tröstenden, wertschätzenden Formulierungen zu lesen! Denn Susanne korrigiert subtil bewusst nicht das „kindliche Trotzen“, sondern unsere erwachsene Sicht und Haltung auf das Thema „Trotzphase“: negative Konnotationen werden zu wertvollen, alle Beteiligten in ihrer Beziehung entlastende stärkenden, positive Bestandteilen transformiert!

Ich habe das Buch mit viel Freude an zwei Abenden ausgelesen und kann es wirklich mit bestem Gewissen als Seelentröster, wenn der Alltag mit Kleinkind mal wieder Kopf steht, weiterempfehlen!

Ich! Will! Aber! nicht! Susanne Mierau Geborgen Wachsen Buch

Cover zu „Ich! Will! Aber! Nicht!“ von Susanne Mierau (c) GU Verlag

Details zum Buch 

Susanne Mierau: 
Ich! Will! Aber! Nicht! Die Trotzphase verstehen und gelassen  meistern Reihe: Einzeltitel Partnerschaft & Familie 
ISBN/EAN: 978-3-8338-6021-8 
Sprache: Deutsch  Umfang: 144 Seiten, 50 Fotos , Hardcover, 16,5 x 20 cm 
Preis: 16,99 € (D) / 17,50 € (A)  
Erschienen im September 2017 im GU Verlag

(Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise für die Rezension zur Verfügung gestellt, die dargestellte Meinung spiegelt meine persönlichen Eindrücke wider.)