Gesund & Schnell, und noch dazu lecker sollen die Rezepte von Dagmar von Cramm in ihrem brandneu erschienenen Rezept-Buch „Für Mutter und Kind“ aus dem GU Verlag sein.

Bei dem Buchtitel bzw. beim Hinweis am Klappentext „Denn ihr Kind verträgt ab dem 5. Monat das meiste, das auch Sie essen – anfangs püriert, später klein geschnitten und zart gewürzt.“ war ich recht angetan vom Buch. Denn die Idee hinter dem Buch wäre also: Mama kocht nur einmal, aber gleich für 2. Eigentlich spricht alles für ein Baby Led Weaning Kochbuch von der Idee her?

Zur Autorin:

Dagmar von Cramm ist diplomierte Ökotrophologin, verheiratet und Mutter von drei Söhnen. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als angestellte Redakteurin, bis sie sich als Fachjournalistin selbständig machte. Ihre Bücher erreichten bisher eine Gesamtauflage von über 4 Millionen. Dabei ist ihr die Praxis wichtig – es geht nicht nur um die Wissenschaft, sondern um Lebensmittel und deren Verarbeitung: Kochen! Für Baby und Kinder, für die Familie, für den Alltag, aber auch für Feste und Gäste. Sie ist für verschiedene Medien als Expertin zu aktuellen Problemen und Fragen rund um Essen und Trinken tätig, arbeitet als Ernährungscoach im Bereich der betrieblichen Gesundheitsvorsorge und hält zahlreiche Vorträge. Dagmar von Cramm gewann zweimal den Journalistenpreis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Seit 1995 ist sie ehrenamtliches Mitglied im Präsidium der DGE. Dagmar von Cramm ist nebst anderem die Präsidentin der 2012 gegründeten Stiftung „Besser essen. Besser leben.“

Erster Eindruck:

Das Büchlein kommt als kleinformatiges Werk mit ca. 64 Seiten. Bereits die Einbandklappen werden für wertvolle Informationen genützt: Vornewegs wird die Ernährungspyramide grafisch schön und mittels Fotos der Nahrungsmittel kreativ aufbereitet erklärt, auf der Rückseite werden Durstlöscher, Smoothies und sehr flotte 15 Minuten Gerichte (wenn einmal alle Stricke reißen) auf Basis von Fertigprodukten gezeigt. Das für den Druck verwendete Papier bzw. der Umschlagkarton sind hochwertig und ließen sich auch (vorsichtig) mit einem feuchten Tuch von beim Kochen versehentlich passierten Flecken befreien. Die Rezepte teilen sich in 3 Gruppen: Gemeinsame Speisen ab dem 5. Monat, ab dem 12. Monat und gesunde Kleinigkeiten.

Vor den eigentlichen Rezepten folgt ein kleiner Theorieteil auf knapp 8 Seiten mit den Beikostbasics, d. h. worauf es zu achten gilt und welche Haushaltsgeräte die Zubereitung erleichtern könnten.

Der Theorieteil:

Bereits beim Öffnen des Inhaltsverzeichnis verdutzte mich die Einteilung in Altersgruppen von „5 Monaten“ und „12 Monaten“ sehr und mir schwante, dass hier wohl der positive Eindruck vom Beginn täuschte. Im Theorieteil geht es zuerst um „das Beste für Mutter und Kind“: Mehrmals wird betont, dass ein Baby mit dem 5. Monat reif für Beikost ist, nur einmal wird, quasi als „Randnotiz“, die Möglichkeit erwähnt, den Beginn des 7. Monats abzuwarten. Positiv jedoch der Hinweis auf die Beikostreifezeichen, die Formulierung bleibt jedoch mit „Kind zeigt Interesse“ sehr schwammig und könnte auch leicht mit „Nachschauen“, „Kauen“ als Interessensbekundung rund ums dritte/vierte Monat verwechselt werden. Letzteres auch, weil die Autorin eine mögliche Ablehnung als wahrscheinlich schlichtwegs fehlende Gewohnheit erklärt. Hier wäre ein genaueres Eingehen wünschenswert gewesen, da hier auch die meisten Missverständnisse bzw. Fehlinterpretationen in den Köpfen von Eltern, aber auch teils Fachkräften, vorherrschen.

Laut Autorin ist Babys Verdauung erst zum ersten Geburtstag ausgereift, um alles mitzuessen, sie relativiert aber im selben Atemzug „jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus und es hat keine starren Altersgrenzen. Hier im Vergleich, empfehlen z.B. offizielle Beikostpläne ab dem 10. Lebensmonat den Übergang zur Familienkost, wobei zuvor bereits Fingerfood (ergänzend zur Breikost) gereicht werden sollte. Ich kann somit ganz ehrlich hier die Versteifung auf 12 Monate für Brei seitens der Autorin, auch mit Begründung, ein Baby könne erst mit Kaufähigkeit feste Nahrung erhalten, aus meinem eigenen Erfahrungshintergrund als Mutter eines Baby Led Weaning Kindes nicht nachvollziehen. Speziell, weil auch Empfehlungen bis auf wenige Ausnahmen, heutzutage kaum Einschränkungen geben, was ein Baby essen darf (hier also keine Unterschiede in den Regeln zur Zubereitung, Referenzwerten, verbotenen Lebensmitteln zwischen Brei und BLW besteht), bzw. ein Baby auch potentiell Breikomponenten nicht verdauen kann, aber durch das Pürieren diese im Stuhl oft nicht so explizit erkennbar aufscheinen. Auch vertritt die Autorin weiterhin den „klassischen“ Ansatz des Ersetzen von Milchmahlzeiten.

Im 2. Kapitel „Essen lernen“ ein Hoffnungsschimmer: selbstbestimmtes Abstillen im 2. Lebensjahr wird als optimal empfohlen. Doch wenige Zeilen darauf dann die Ernüchterung: „Ganz ohne Löffel ist das schwierig. .. eine harte Möhre, ein Stück Fleisch oder etwas ähnlich festes kann es noch nicht zerkleinern. … Erstickungsgefahr durch kleine, feste Lebensmittel. …landen nur Nudeln, Brezeln, Pommes oder Wurst in Babys Mund. … eine vollwertige Mahlzeit mit allen notwendigen Nährstoffen ist das nicht – und ihr Kind wird davon nicht satt“ (p.6). Kurzum: Alle Horrorszenarien von Menschen im Ernährungssektor ohne Erfahrung oder eingehende Auseinandersetzung mit Baby Led Weaning werden aufgezählt. Dass es trotz aktueller BLISS Studie und Clara Davis Experiment bei einem ausgewogenen, gesunden Nahrungsangebot (natürlich ein entsprechendes grundlegendes Ernährungsverständnis der Eltern vorausgesetzt) nachweisbar nur in seltenen Ausnahmesituationen (welchen meist auch andere Erkrankungen o.ä. zugrundeliegenden oder weil Eltern nur auf den „Modetrend“ BLW aufspringen, aber keine Informationen rund um Säuglingsernährung einholen) zu Mangelernährungen kommt und auch ein Verschlucken statistisch nicht häufiger erfolgt als bei Breikindern wird ebenso unter den Tisch gekehrt, wie die Tatsache dass kurioserweise die Erfolgsgeschichten tausender beikostreifer Babys ab 6 Monaten beweisen, dass man auch zahnlos problemlos unpüriertes Fleisch, Gemüse, und Co essen könnte. Natürlich werden diese Sachen von den Eltern meist nicht roh angeboten, sondern entsprechend zubereitet. Und wem ein basales Ernährungswissen in der Babyzeit bereits fehlt, wird es auch beim komplett vom Familientisch essenden Kleinkind dann nicht unbedingt besser machen. Kurzum: eine einschlägige Auseinandersetzung mit dem Thema Breifrei/BLW in Theorie und Praxis scheint der Autorin komplett zu fehlen. Stattdessen verbleibt die Autorin, lieber bei der aktuell geltenden offiziellen Lehrmeinung, dass Fingerfood bestenfalls das Löffeln ergänzen darf.

Hinweise zu den einzelnen Nährstoffgruppen mit den jeweiligen Referenzwerten für Babys im ersten Lebensjahr, verbotenen und kritischen Lebensmittel sowie für die Zubereitung von Babys Brei praktische Haushaltsgeräte stellen den Abschluss des kurzen, in wenigen Minuten lesbaren, theoretischen Kapitels dar.

Die Rezepte

49 Step-by-Step-Rezepte mit einer Zubereitungszeit von knapp 30 Minuten im Durchschnitt bieten mit süßen wie auch sauren Gerichten sowie energiereichen Snacks viel Abwechslung für daheim und unterwegs. Die Speisen sind problemlos mit im Supermarkt einkaufbaren, in ihrer Menge überschaubaren, Zutaten zubereitbar. Bei jedem Gericht wird nicht nur angegeben, ob es für Säugling oder Kleinkind passend ist, sondern auch die Nährwertangaben in Kilokalorien sowie Eiweiß, Fette und Kohlehydrate werden genau aufgeschlüsselt. Dies kann bei einem vorhandenen Diätbedürfnis zum Verlieren überflüssiger Babypfunde oder zur Kontrolle bei übermäßigem Gewichtsverlust beim Stillen vielleicht hilfreich sein, ich persönlich empfinde es eher als unnötig, vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen verursachend, falls mein Körpergefühl nach der Schwangerschaft nicht das Beste ist. Die Portionsmengen berechnet die Autorin anhand dem Bedarf einer nichtstillenden Mama, ergänzt mit dem Hinweis bei mehr Hunger ein Joghurt oder Obst als Nachtisch einzuplanen.

Jedes Rezept hat im Text einen genauen Hinweis, wann es nun Zeit wäre, die Beikost vom Baby während des Kochvorgangs abzuteilen. Die extra Hinweise, wie „Vitamin C-reich“, „reich an Eisen“, „verdauungsförderlich“ u.a. können ebenso bei der Auswahl und Mahlzeitengestaltung ebenso hilfreich sein, wie die beinahe jedem Gericht beigefügten Tipps.

Wenn Zutaten nicht optimal für ein Baby sind, so wird dies meist von der Autorin angegeben. Zucker wird kaum genützt und eher auf Fruchtsüße aus Obst, Trockenfrüchten oder Saft gesetzt. Nur ganz vereinzelt findet sich Rohrzucker, Honig und Agavendicksaft als Süßungsmittel im Rezept.

Im Register können Rezepte nach Zutaten wie auch Buchstaben sortiert gesucht werden. Vegetarische Rezepte sind im Rezeptteil mit einem grünen Blatt-Symbol, im Register mit grüner Schrift farblich hervorgehoben.

Wer sich in der Rezeptauswahl kreative Neuheiten erwartet, wird eher enttäuscht: Viele Rezepte, wie Waffeln, Avocadobrot, Pfannkuchen in viererlei Variation, Milchreis, Onepot-Pasta, Eintopf und Co sind recht bekannt und werden kochaffine Eltern vermutlich eher langweilen. Müttern ohne Kochfaible könnten die gut verständlich und detailliert beschriebenen und einfache, schnell nachkochbaren Rezepte jedoch womöglich das Leben neben dem Alltag mit Baby retten.

Baby-Led Weaning Tauglichkeit

Auch wenn die Autorin lieber nur Brei füttern würde, so können die meisten Rezepte (bei salzarmer, gewürzarmer Zubereitung und unter Weglassen potentiell im Rezept vorhandenem Zucker natürlich) auch recht gut mit Baby-Led Weaning Babys genützt werden. Allein die Snacks für Zwischendurch können wunderbare, simple Ideen für das Frühstück und die Jause am Spielplatz darstellen, spätestens in der Kleinkindzeit werden sie sicher geliebt! Die Saucen ergeben für jüngere Babys püriert sicher leckere Dips zu selbstgebackenen Brotstangerln oder Kartoffelwedges, andere Rezepte können mit etwas Übung im Umgang mit Besteck selber gelöffelt werden oder als Fingerfood verpeist werden. Mit Mut zur kreativen Umgestaltung in der Zubereitung lässt sich hier einiges herausholen!

Fazit zu „Für Mutter und Kind“

Was Dagmar von Cramms Rezeptbuch „Für Mutter und Kind“ mich im Theorieteil durch ihre Haltung nicht wirklich zu 100% überzeugt, macht sie im Rezeptteil wieder teilweise wett. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ihr Zielpublikum „Brei fütternde Mama“ (warum eigentlich wird der Papa hier außen vor gelassen, in einer Zeit wo auch er vermehrt im 1. Lebensjahr daheim bleibt?) als Idee, Mütter dazu zu animieren, täglich für sich und Baby frisch zu kochen, für die Vermarktung eher falsch konzipiert ist.

Als reine Breimama würde ich (wie ich auch von vielen Breimüttern fast ausschließlich lese) im 1. Lebensjahr eher zu Kochbüchern konkret für Babybreie greifen, diese in Gläschen oder Eiswürfelformen in großen Mengen vorbereiten und dann, mich an den Breifahrplan haltend, je nach Bedarf auftauen.

Wenn eine Mutter/Familie bewusst für Eltern und Kind zusammen kocht und auch zeitgleich essen will, so wird, aus meiner Erfahrung zumindest, dem Baby diese Speise selten extra püriert. Stattdessen werden, auch von der Vorbildwirkung her (und um selber ebenfalls zum warm essen zu kommen), die Mahlzeitbestandteile, welche die Eltern dem Baby zutrauen, als Fingerfood gereicht. Ein Kochbuch mit Fokus auf Fingerfood tauglichen Gerichten würde hier mit dieser Konzeptidee somit wohl mehr Erfolg erzielen, da der Titel einfach für mich weiterhin mehr eine breifreie Ernährung impliziert, welche je nach Familie Brei inkludieren kann, oder eben nicht. Mich überzeugt das Buch aus den genannten Gründen leider nicht gänzlich, aber die Rezepte sind zumindest gut im Alltag auch über die Babyzeit hinaus nützbar, um den Kaufpreis zu rechtfertigen.

Cramm mutter und kind

Cover „Für Mutter und Kind“

Details zum Buch

Dagmar von Cramm: Für Mutter und Kind. gesund & schnell.
ISBN/EAN: 978-3-8338-6183-3 
Sprache: Deutsch
Umfang: 64 Seiten, Klappenbroschur, 16.4 x 1.2 x 20 cm
Preis: € 8,99 (D), € 9,30 (Ö)
Erschienen am 7. August 2017 im GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH

 

(Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise für die Rezension zur Verfügung gestellt, die dargestellte Meinung spiegelt meine persönlichen Eindrücke wider.)

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