Dein Kind erfüllt also alle Beikostreifezeichen und die Neugierde auf Lebensmittel ist unübersehbar? Spätestens wenn dein Kind dir nicht nur mit den Augen, sondern mit den Händen in den Teller fällt, darfst du deiner Ungeduld nachgeben. Meist passiert es ja sowieso ungeplant. Eben sitzt dein Kind noch beim Familienessen auf deinem Schoß, im nächsten Moment verschwindet das Stück Brot oder Gemüse oder – oh nein!!!😉 – Kuchen von deinem Teller und direkt in Babys Mund.

Unser Beikostbeginn – wenn die Mama in Panik verfällt

Ich kann mich noch gut an meine Panik erinnern, als mein Sohn als 1. Mahlzeit Butterbrot & Käse wählte. Ich war zwischen Begeisterung und Stolz über den kleinen, kompetenten „Tellerdieb“ und Horrorvisionen hin- und hergerissen! Ich war überzeugt, er würde mir jetzt ersticken – gottseidank geschah das alles nur in meiner Fantasie. In der Realität war der damals ca. fünfeinhalbmonatige Zwerg wunderbar in der Lage mit den so verführerischen Krümeln zurecht zukommen, auch wenn er vereinzelt mal würgen musste. Und er genoß es sichtlich! 

Mein 2. Gedanke damals? Verdammt, warum hielt sich der Kleine nicht an den „Lehrplan“ mit den 6 Monaten? Er war doch 2 Wochen zu früh!!! Fazit:

Dein Kind, nicht du, gibt den Beginn & das Tempo vor!

Den ersten Schreck verdaut, gingen wir es die kommenden 2 Wochen dann langsamer an – die Vorstellung das mein Kleiner nun „groß“ wird und beikostreif ist, hatte mich, die monatelang vor der „Brei-Idee“ geflohen und dann zum Glück kurz vorm 4. Monat auf Baby Led Weaning gestoßen war, in dem Augenblick komplett überfordert.

Damals noch gänzlich unerfahren, bis auf das was diverse Facebookseiten und Blogs zum Thema Baby Led Weaning an Infos hergaben, boten wir ihm täglich eine Sache an, immer noch nicht gänzlich überzeugt, das er nicht vor unsren Augen ersticken könnte. Da es damals auch grad Hochsommer war, gab es als 1. Kost Banane, Mango, verschiedenste Arten reifer Melone, gedünstete Zuchini & Karotte, Avocado, Süsskartoffel aus dem Rohr. Und er hat es überlebt 😉 Einiges begann im Mund zu landen, auch wenn manche Sachen zu Beginn nur so herumflutschten bzw. zermatscht wurden. Das anfängliche Hochwürgen wurde ebenfalls zunehmend weniger – und zumindest kamen zu grosse Stücke wieder von selbst heraus.

Natürlich gab es auch die eine oder andere dramatischere Szene mit Husten, Tränen und vor Anstrengung rotem Gesicht, so dass mein Mann beinahe den Notarzt hätte rufen und auf Brei umsteigen wollen… aber auch er erkannte recht rasch, dass diese kurzen Sequenzen a.) sehr selten waren b.) schlimmer aussehen, als sie wirklich sind und vorallem c.) fürs Baby einen wichtigen Lernprozess darstellen. 

Und ihr könnt euch sein Gesicht vorstellen, als der Zwerg  schliesslich zum 1. Mal  einen von Papa gekochten Teller Nudeln mit Bolognese-Sugo begeistert verdrückte 😉 Danach war das Eis, zumindest was Papas Skepsis betraf, gottseidank gebrochen – und heute würden wir es sofort wieder mit BLW versuchen, jetzt wo wir die „Früchte“ des 1. Lebensjahres ernten dürfen! 

Mit den Tagen und Wochen klappte das Essen (auch damals noch zahnlos bis zum Alter von ca. 10 Monaten!) immer besser und Kind aß – wenngleich in geringen Mengen, was bei BLW aber nicht ungewöhnlich ist – alles mit. Und auch wir als Eltern wurden sicherer und kreativer. Von einzelnen (weicheren) Lebensmitteln gingen wir sehr bald dazu über, ihn völlig normal von unseren Mahlzeiten mitnaschen zu lassen und geniessen auch heute noch die damit verbundene Unkompliziertheit der Essenssituation! 

Heute würde ich rückblickend einiges etwas anders gestalten – allein schon weil ich nun mehr weiss und durch die Erfahrung schlichtwegs als Mama auch selbstsicherer im Umgang mit solider Kost geworden bin. Aber ich glaube, diese ersten unsicheren Momente muss man als Eltern einmal (üb)erlebt haben, um gelassen in die Esssituation gehen und seinem Kind und seinen Fähigkeiten völlig vertrauen zu können.

Ich hoffe somit, euch mit den Beiträgen ein wenig Zuversicht und Hintergrundwissen zu vermitteln, um die Sorge zumindest ein wenig zu lindern, falls ihr euch für das BLW Konzept entschieden habt und es nun wirklich aktuell wird! 

Nun seid ihr an der Reihe!

Wie ihr die ersten Schritte konkret wagt, bleibt euch überlassen. Manche tasten sich, wie wir damals, eher mit weicheren Lebensmitteln  – v.a. einzelnen Obst- oder Gemüsesorten – heran, manche gehen direkt komplett vom Familientisch aus und das 3x am Tag (das sind aber meist die Eltern, die schon mindestens 1 Kind oder mehr mit dem BLW-Konzept groß gezogen haben 😉 )- kurzum, das perfekte „How to“ gibt es nicht. Lasst euch einfach bewusst auf das Erlebnis ein und entdeckt mit eurem Kind gemeinsam was geht bzw. auch vielleicht noch nicht geht. Wichtig wäre nur, auch bei BLW an eine möglichst frühzeitige Auswahl an eisenhaltigen Nahrungsmitteln (z.B. Fleisch, Ei, Hirse, Fisch, Haferflocken etc.)  in Kombination mit Vitamin C hältigem zu denken und nicht über Monate hinweg nur Obst und Gemüse alleine anzubieten. „Kleine“ eisenreiche Lebensmittel lassen sich z.B. anfangs auch gut in Fingerfood einbauen (z.B. in Pancakes, Waffeln, Bratlingen, Frikadellen etc.).

Wichtig ist: die Beikost wird auf vollen Magen, also nach dem Stillen/Pre angeboten!

Dein Kind kann sich somit 100% aufs spielerische Entdecken einlassen, ohne Zwang auch wirklich etwas essen zu müssen.

Baby Led Weaning hat nicht als Ziel, das Kind schnellstens zum Ersetzen von Mahlzeiten zu bringen, geschweige denn abzustillen. Mach dir also keinen Stress, wenn dein Kind einmal eine Mahlzeit komplett verweigert oder nicht mehr als 2 Bissen macht! Durch die Milch ist dein Kind weiterhin mit allen Nährstoffen versorgt und im Verlauf der Monate wird das Verhältnis zwischen Essen und Milch zunehmend von sich aus auf ganz natürliche Weise kippen.

Das bedeutet aber nicht, das es mit z.B. 8 Monaten soweit ist. Bei den meisten Kindern ist erst im Laufe des 2. Lebensjahr eine spürbare, langsame, kindinitiierte Reduzierung der Milchrationen erkennbar, welche sich tageweise auch wieder zu gefühltem „Vollstillen“ ändern kann! Das biologische Abstillalter zu eurer Orientierung liegt etwa zwischen 2 und 7 Jahren!

Es heißt auch, dass nicht von Beginn an, Nahrung im Mund, und erst recht nicht im Magen landen wird oder muss. In den erste Wochen wird dein Kind vorrangig experimentieren: Lebensmittel werden zermatscht, be-griffen, abgeschleckt, ausgespuckt, zu Boden geworfen, untersucht. Erst langsam wird dein Kind wahrnehmen, dass Nahrung schluckbar ist. Ab da werden sich die gegessenen Mengen LANGSAM steigern, es kann aber auch zur temporären Essverweigerung zwischendurch kommen. An solchen Tagen wird sich euer Kind eben wieder mehr von flüssiger Nahrung, dh. Milch (Muttermilch/Pre) ernähren!  An anderen Tagen gehen nur gewisse Speisen (Gelüste) – Temporäre Verweigerung & Vorlieben sind für kindliche Ernährung typisch und nicht unbedingt ein Grund zur Sorge!

Wie oft solltet ihr anbieten? Am besten bei jeder Mahlzeit, die ihr auch einnehmt. Bedenkt: die verzehrten Mengen sind anfangs ohnehin eher gering, ein 2-3 maliges Anbieten (vgl. auch die WHO Empfehlungen) am Tag wird euer Kind also kaum überfordern; wenn doch könnt ihr natürlich jederzeit etwas langsamer vorgehen!

Optimale Lebensmittel für die ersten Essversuche sind:

Zusammen mit Scarlett von Klecker-Lecker haben wir euch als Ergebnis des Brainstormings eine Bildgrafik, die ihr euch gerne als inspirative Gedächtnisstütze abspeichern könnt, gebastelt.

z.B.

  • Gedünster Zuchini
  • Kürbis (dünsten/Backohr)
  • Süsskartoffel (dünsten/Backrohr)
  • Kartoffel (dünsten/Backrohr)
  • Karotte (dünsten)
  • Pastinake (dünsten)
  • Brokkoli (dünsten)
  • Karfiol (dünsten)
  • Kohlrabi (gedünstet)
  • Avocado (in Spalten, zum Löffeln)
  • Gurkensticks
  • Spargelspitzen
  • Fenchel
  • Mango 
  • (Reife) Melone
  • Banane
  • Erdbeeren
  • Apfel (dünsten oder im ganzen)
  • Kiwi
  • (Reife) Birne
  • halbierte Trauben
  • Himbeeren
  • Pflaumen (evtl geschält)
  • Uvm.

Dazu könnt ihr beispielsweise kombinieren:

  • Polenta (als Taler herausgebacken)
  • Reis (klebrig, a la Reisbällchen am besten!)
  • Nudeln (für den Beginn bewährten sich Penne & Fusili sowie Gnocchi/Schupfnudeln recht gut)
  • Brot (z.b. auch mit Aufstrich – zB. Avocado, Hummus, Mandelmus, Obstmus, Butter)
  • Kekse (am Besten selbstgemacht)
  • Hühner- oder Rind-Fleisch (zart, weich! In Sticks oder als Hacklfeisch)
  • Fisch
  • Eierspeise/Ei
  • Bratlinge (z.b. mit Hirse, Linsen u.ä.)
  • Saure „Muffins“
  • Pancakes
  • Waffeln
  • Frikadellen

Kurzum alles Lebensmittel, welche mit der ganzen Hand gut greifbar ist und ggf. auch zahnlos gut mit dem Kiefer zerdrückbar sind eignen sich für den Start! Breiiges kann mit Händen, mit einem Löffel gelöffelt (natürlich anfangs eher unbeholfen, bei unsrem war mit 8 Monaten Interesse am selber Löffeln vorhanden), oder mit z.B. Brot oder Sticks gedippt werden – Kinder entwickeln hier eine große Kreativität, wie sie mit der neuen Herausforderung umgehen.

Für den Anfang ist es völlig ausreichend 2-3 Stück in verschiedenen Farben anzubieten und je nach Bedarf nachzuschöpfen – mehr Auswahl bzw. ein übervoller Teller wären zuviele Reize für ein Baby, um zu wissen, womit es beginnen möchte. Gut wäre es auch, wenn verschiedene Nährstoffgruppen (z.B. Obst/Gemüse, Kohlehydrate, Proteine etc. – vgl. Ernährungspyramide) dabei einbezogen werden.

Mit zunehmenden Zähnen und motorischen Fähigkeiten und Erfahrungen werdet ihr sehen, wie der Speiseplan stetig wächst und ihr euch mit mehr Zuversicht an neue Gerichte heranwagen werdet!

Wer ideenlos oder nicht kochaffin ist, findet viele Rezeptideen online oder z.B. in der Junika- Buchserie, dem Breifreikochbuch oder dem Blog von Klecker Lecker usw..

Generell bietet eurem Kind das an, was auch euch Erwachsenen schmeckt und lasst es auch ungewohnte, nicht unbedingt „babytypische“ Geschmackserlebnisse (z.B. Oliven o.ä) machen, wenn es dies wünscht!

Solange ihr auch für euch beim Kochen auf eine ausgewogene, gesunde Ernährung und eine salz-/zuckerfreie (bzw. -arme) Zubereitung achtet, steht dem Projekt Baby Led Weaning nichts im Wege!

Und das gute ist: ihr müsst euch an keinen Plan halten, keine tageweise Einführung pflegen, sondern euer Baby darf das Essen spontan & uneingeschränkt (mit den wenigen Ausnahmen oder falls allergische Reaktionen auftreten sollten)  voller Freude und aus der vollen Palette der Möglichkeiten zehrend, erforschen!