Baby Led Weaning, oder BLW, geistert zunehmend durch Baby & Mütter-Foren & Gruppen, aber…

Was versteht man nun darunter?

Viele übersetzen BLW als „Breifrei-Konzept“, manche als „Fingerfood“. Dies kann rasch in die Irre führen. Ja, es wird traditioneller Babybrei gemieden (mehr dazu an einer anderen Stelle), aber schließt breiförmige Konsistenz vom Familientisch per se nicht aus – z.B. Joghurt, Kartoffelpüree etc.. Auch wird Fingerfood gereicht, aber das machen auch Eltern, welche Brei füttern früher oder später, und kann somit auch nicht als BLW-Definition herangezogen werden.

BLW ist also mehr eine grundlegende innere Haltung: Das Kind wird von seiner Entwicklung her ab Geburt im Idealfall gestillt oder mit Pulvermilch gefüttert, aber nicht nach der Uhr, sondern nach Bedarf. Es  entscheidet selbst, also bereits von Anfang an, wann es wieviel Milch benötigt und sucht die Brust selbstständig. Warum ihm also ab Beikostbeginn, diese Kompetenz wegnehmen?

Bei der Beikosteinführung nach dem BLW-Konzept erachten wir den Säugling als reif & kompetent, selbst zu entscheiden welche Mengen & welche Art er von einem Nahrungsmittel  wann benötigt (vgl. „Clara Davis Experiment„). Auch erachten wir ihn als fähig im Einklang mit seinen motorischen Fähigkeiten dabei selbstwirksam zu agieren!

Und wie der Name „Baby led Weaning“ sagt, steht es daher unserem Baby auch frei, den Zeitpunkt zu definieren, wann es keiner Muttermilch/Pulvermilch mehr bedarf. BLW ist somit eine „Baby-geführte Entwöhnung“.

Nicht wir Erwachsene bestimmen Art & Zeitpunkt der Beikost bzw. des Abstillens, sondern die Entscheidung liegt alleine beim Baby – wir stellen nur ein entsprechendes Nahrungsangebot auf Basis einer ausgewogenen, gesunden Ernährung zur Verfügung. Entsprechend der motorischen Entwicklung werden dem Kind vielfältige Lebensmittel so angeboten, das es diese ohne erwachsene Hilfe zu sich nehmen kann – zu Beginn v.a. als „Fingerfood“, später wenn der Pinzettengriff entwickelt, es „dippen“ kann und der Umgang mit Besteck erlernt wird, auch gerne in „Mundstück“-Größe oder dünnflüssigerer Konsistenz – auch hier führt uns das Kind, wenn wir es beobachten und ihm vertrauen!

Und ganz wichtig bei Baby Led Weaning: Es gibt kein explizites „Babyessen“ – am Familientisch darf dein Kind gleichzeitig mit den anderen Familienmitgliedern das selbe essen, was auch auf deinem Teller liegt und so zugleich die wertvolle & ein Leben lang prägende soziale Erfahrung einer gemeinsamen Mahlzeit mit der Familie erleben!

Beikost ist KEINE „Anstattkost“

Nicht selten liest/hört man bereits bei wenigen Monaten alten Babys „Mein Kind hat eine Mahlzeit ersetzt; ich habe mit einem halben Jahr abgestillt weil es so brav isst“ etc.

FAKT ist: Ein Baby heißt im 1. Jahr Säugling, weil „säugen“, also Milch ein wichtiger Nährstofflieferant bleiben sollte. Du musst dir also keinen Stress mit dem Ersetzen der Milch machen, wenn es aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen nicht dringend nötig ist, auch nicht wenn du mit dem 1. Geburtstag wieder mit der Arbeit beginnen musst.

  1. „Food under 1 is just for fun“ – VOR der Mahlzeit wird  gestillt/Flasche gegeben, Essen darf von der „Nahrungsaufnahme“ abgekoppelt erlebt und erforscht werden. Auch wird zu Beginn kaum eine Mahlzeit bei BLW ersetzt werden – die Freude am Experimentieren soll vordergründig sein; erst mit den Monaten wirst du merken, wie dein Kind zunehmend mehr feste Nahrung aufnehmen will, und der Busen zunehmend zum (für die Bindung ebenso wichtigen!!!) „Kuschelobjekt“ wird.
  2. Jedes Kind hat sein individuelles Tempo beim Entwöhnen – das biologische Abstillalter liegt ca. zw. 2 und 5+ Jahren (je nach Berechnungsgrundlage)
  3. Babys können mit 1 Jahr gut zwischen „Mama (Busen 🙂 ) ist hier“ und „Mama ist weg“ differenzieren. Entsprechend holen sie sich im Falle deiner Abwesenheit einfach mehr Nahrung durch mehr solide Kost.
  4. Babys beginnen spätestens im zweiten Lebensjahr automatisch Milchmahlzeiten bewusster zu ersetzen.

Und auch wenn du dich dazu entscheidest, früh abzustillen, sollte dein Kind noch mindestens bis zum Ende des 1. Lebensjahr Pulvermilch erhalten! Ein bewusstes Abhalten des Kindes von fester Nahrung mit dem Ziel ein Jahr um jeden Preis Vollzustillen (weil Milch laut manchen Quellen „Hautpnahrungsmittel bleiben sollte) ist aufgrund der möglichen Problematik eines Eisenmangels weder ratsam noch empfohlen!

Wann fange ich an?

Die WHO, aber auch fast alle offiziellen europäischen Beikostfahrpläne empfehlen ein Vollstillen / Flasche-Geben bis zum vollendeten 6. Lebensmonat und ein Weiterstillen für mindestens ein bis zwei Jahre. Zwischen 5. und 7. Lebensmonat ist hierbei das „sensible Zeit-Fenster“, wenn es um die Einführung potentieller Allergene geht. Bei letzterem Punkt empfiehlt es sich, neue Lebensmittel prinzipiell unter dem Schutz der Muttermilch einzuführen, um das Risiko zu senken.

Wann es nun für dein Baby jedoch genau soweit ist, mit Beikost zu beginnen, hängt von den erfüllten Beikostreifezeichen ab.

Manche Babys sind mit 5 Monaten soweit, manche erst mit 7, 8, 9 Monaten, kurzum 6 Monate ist ein durchschnittlicher Richtwert, aber kein in Stein gemeißelter Zeitpunkt. Also mach dir keinen Stress, wenn mit „Termin“ noch kein Interesse bei deinem Baby vorhanden ist, hör auf dein Bauchgefühl und gib ihm die Zeit, die es braucht!

Ist Baby Led Weaning für alle geeignet?

Baby Led Weaning ist als Konzept für alle gesunden, normal entwickelten Babys eine andenkbare Alternative zur üblichen Breikost und bei entsprechender Beachtung der Do/Don’ts nicht gefährlicher als jede andere Form der Nahrungsaufnahme (Verschlucken geht auch bei Brei!).

Bei Frühchen, vorhandenen Vorerkrankungen bzw. Behinderungen, speziell wenn z.B. Schluck-Probleme vorhanden sind, empfehle ich jedoch in Absprache mit dem behandelnden Arzt zu entscheiden, welches Beikostkonzept für dein Kind ratsamer wäre.

Aber es ist auch eine Frage der familiären Ernährungsgewohnheiten: Ernähre ich mich 5 mal die Woche von Fastfood und Junkfood, werde ich mir potentiell schwer tun, meinem Kind ein ausgewogenes Ernährungsangebot bereit zu stellen. Es ist somit beim Thema Beikost, aber auch mit Ausblick auf die Jahre danach, essentiell, sich – ungeachtet ob ich Brei, Fingerfood oder BLW andenke – eine Voraussetzung, mich mit Ernährung zu beschäftigen und auch meine eigenen Gewohnheiten zu reflektieren, um meinem Kind eine gesunde Mischkost anbieten zu können und seine Entwicklung optimal zu unterstützen!

Womit fange ich an?

Allgemein gilt: womit dein Baby will!

Verabschiede dich fürs erste von allen klassischen B(r)eikostplänen- in dem Punkt ist ein Baby, welches frei wählen kann, immer eine Überraschung wert: manche Babys starten mit Brot, andere könnten sich in Erdbeeren wälzen, die nächsten können nicht genug Bananen kriegen, dein zweites Kind startet womöglich sogar mit Gummibärchen vom älteren Geschwisterchen etc..

Beobachte einfach dein Kind und lasse dich von ihm führen – es zeigt dir sehr genau, worauf es Lust hat und womit es zurecht kommt!

Gelüsten kann und soll auch nachgegeben werden (sofern nicht grade Schokolade  natürlich 😉 ) – sie zeigen dir oft auf, welcher Nährstoffe dein Kind gerade besonders bedarf. Meist wechseln Babys nach einigen Tagen oder Wochen wieder radikal ihre Vorlieben.

Auch muss bei Baby Led Weaning nicht „planmässig“ abgewartet werden, ob dein Baby vielleicht etwas nicht verträgt – sollte es keine familiären Allergie-Vorgeschichten geben, ist es aufgrund der zu Beginn minimal aufgenommenen Mengen eher unwahrscheinlich, das eine Unverträglichkeit auftaucht – bzw. Kinder, welche selbst wählen dürfen, meiden potentiell bei ihnen allergieauslösende Lebensmittel oft instinktiv! Generell ist zu empfehlen, neue Nahrungsmittel unter dem Schutz der Muttermilch anzubieten!

Quellen:

Gill Rapley – Das Baby Led Weaning Grundlagenbuch

Gill Rapley: Is what you’re doing BLW? And does it matter?