Heute möchte ich euch mit dem „Baby-led Weaning – Das Grundlagenbuch: Der stressfreie Beikostweg“ aus dem Kösel Verlag das wohl beste und umfassendste Buch zum Thema breifreie Beikost vorstellen. In dieser „Bibel“ des BLW, inzwischen bereits in der deutschsprachigen (seit 2013 unveränderten) 5. Auflage erhältlich, lässt sich der Hintergedanke von BLW noch in der von der „Erfinderin“ des Konzepts, Gill Rapley noch in seiner Reinform nachlesen. Dies ist insofern wertvoll, weil Baby-Led Weaning, also „vom Baby selbst gesteuerte Entwöhnung“, nach Rapleys Zugang nicht nur Fingerfood als Beikostgabe impliziert, sondern eher ein Bild von Kind im Mittelpunkt stehen hat: so wie es bereits kompetent und selbstbestimmt an der Brust Muttermilch trinkt, Dauer, Menge und Fettgehalt der Mahlzeit bestimmen kann, so kompetent kann sich ein Baby mit dem Auftreten der Beikostreife mit etwa 6 Monaten direkt vom Familientisch (unter Berücksichtigung einer babygerechten Zubereitung, z.B. zuckerfrei, salzarm) selber mit fester Kost füttern und den Zeitpunkt des Entwöhnens von der Milchnahrung selber bestimmen.

Wie beim Attachment Parenting wird auch hier Babys Bedürfnis nach Autonomie und Selbststeuerung beachtet, und ihm vertraut, dass es weiß, was gut für es ist.

Auch wenn offizielle Empfehlungen noch Brei und Fingerfood als Kombination bevorzugen, da hier – zumindest der Erfahrung und Studien nach – eine sehr zuverlässige Kalorienaufnahme gesichert und „Kontrollierbarkeit“ gewährleistet ist, so beschreiben zahlreiche Eltern, welche Rapleys BLW-Konzept in der Praxis gelebt haben, meine Familie eingeschlossen, diesen alternativen Weg tatsächlich als den stressfreieren Beikostweg.

 Die Autoren:

Die Engländerin Dr. Gill Rapley war 20 Jahre lang als Hebamme und ehrenamtliche Stillberaterin tätig. (Zufällig) Parallel zur Anhebung der Beikostaltersempfehlung auf 6 Monate schrieb Gill Rapley 2002/03 an ihrer Masterarbeit, in welcher sie untersuchte, wann Kinder bereit für die Umstellung auf feste Nahrung sind.  Ihre Theorien stellten das Grundgerüst des BLW Konzeptes dar. Ihre klinischen Beratungserfahrungen mit jungen Kindern mit Ernährungsstörungen (wie Essensverweigerung), deren Ursache vorrangig an der Haltung am Familientisch/Art der Beikosteinführung zu finden waren, wie auch ihre inzwischen drei erwachsenen Kinder bestätigten ihre Theorien auch in praktischer Form. 2008 erschien schließlich ihre Grundlagenbuch in englischer Sprache. 2015 erhielt sie ihren PhD Doktortitel. Im Vorfeld der Erreichung war sie intensiv in Forschungsprojekte zur Evaluierung von Löffelfütterung via Selbstfütterung involviert. Heute ist sie u.a. für die UNICEF-Initiative Baby-friendly aktiv.

Tracey Murkett ist freie Autorin und Journalistin und lebt in London. Als selber mit ihrer Tochter BLW erprobte Mutter möchte sie ihre Begeisterung für diese Art der Beikost mit anderen Eltern teilen.

Zum Buch:

Das Grundlagenbuch kommt als Taschenbuch mit ca. 250 Seiten, welche, bis auf 8 farbige Seiten im Mittelteil, rein aus Text bestehen. Kurzum: nicht unbedingt eine Lektüre für einen Abend. Hat man jedoch die Zeit investiert, es von Anfang bis Ende durchzuackern, bleibt definitiv keine Frage offen.

Den Beginn macht eine umfassende Definition bzw. Blick in die Geschichte: Denn BLW ist nicht unbedingt „neu“. Es gab immer schon eine Beikost abseits von Breifahrplänen und Gläschen, lief meist einfach „nebenher“. Baby Led Weaning im heutigen Kontext ist jedoch wie bereits eingangs erwähnt vorallem eine Art bedürfnisorientierte Weltanschauung. Mich störte daher in manchen anderen „Breifrei“-Büchern stark die von den jeweiligen Autoren sehr verwaschene Ansicht, inwieweit BLW nun auch Fütterung von Babybrei oder auch ein von Eltern initiierte „Sättigungsgrundlage“ zulässt oder nicht. Hier konstatiert Rapley, wie auch in ihren vielen anderen Publikationen zum Thema, klar, dass BLW ein „Hände weg“-Prinzip verfolgt: Breiförmige Speisen vom Familientisch, wie z.B. Aufstriche, Suppen, Joghurt etc. dürfen natürlich auch bei Baby-Led Weaning angeboten werden. Breifrei impliziert aber eine Abstinenz von explizit nur für ein Baby gedachten Breien, welche aktiv gefüttert werden. Per definitionem ist eine Kombination von Babybrei und Fingerfood somit kein BLW bzw. „breifrei“ (wenngleich in unserem Sprachgebrauch es gerne gleichgesetzt wird), sondern eben nur „Brei mit Fingerfood“. Punkt.

Sehr wertvolle Ansätze für die eigene Reflexion von Erwartungen bzw. persönlichen Ansichten zur Ernährung eines Babys bzw. einen kritischen Blick auf den klassischen Breifahrplan bietet das zweite Kapitel: Wie funktioniert BLW? Ob ohne Löffel und Brei Beikost wirklich funktionieren kann, warum aktives Füttern auch „Nebenwirkungen“ haben kann; Warum die Erreichung der Beikostreife für da Konzept wichtig ist, und wie weit sich BLW von klassischem Breifahrplan differenziert. Einblicke in die motorische Entwicklung, Hintergrundinformationen zum Thema Verschlucken, Entwicklung eines Sättigungsgefühls etc. vollenden den Abschnitt. Auch über das, immer wieder aufs neue faszinierende, Experiment von Clara Davis aus den 1930er Jahren wird eingegangen.

Es ist ein natürlicher Schritt in der Entwicklung eines Kindes, dass es lernt, feste Nahrung zu essen. Wir kontrollieren nicht wann ein Baby laufen lernt, und so ist nicht nachvollziehbar, warum wir den Wechsel von der Milch zur Festkost kontrollieren sollten. … Die einzige Kontrolle, die Eltern im Hinblick auf die Ernährung ihres Babys ausüben müssten, ist zu entscheiden, welche Lebensmittel bzw. Speisen sie ihm anbieten und wie oft sie es tun. Vorausgesetzt Sie bringen regelmäßig eine vollwertige Kost auf den Tisch, sollte es Ihrem Baby überlassen bleiben, was, wie viel und wie schnell es isst.“ (Rapley, p. 75)

Dann wird es auch schon zunehmend praktisch! Wie starte ich ins Abenteuer Baby-Led Weaning? Wie muss ich Lebensmittel anrichten? Worin besteht der feine, aber essentielle Unterschied zwischen Anbieten und Geben? Wie verfahren, wenn ein Baby nicht isst? Und vor allem: Wie kann ich meine Wohnung vor all dem zu erwartenden Gematsche schützen?

Eine häufig gestellte Frage ist anfangs dann auch: „Mit welchen Lebensmitteln starte ich? Welche Ideen für Gerichte habt ihr?“ Zwar bietet Rapley in ihrem Buch keinerlei Rezepte, aber ein ganzes Kapitel dreht sich genau um diese Frage. Verbotene Lebensmittel und das Thema Allergien werden ebenso thematisiert, wie Hinweise zur Zubereitung bzw. Auswahl einzelner klassischer „Anfängerspeisen„. Dabei wird auch auf potentielle und mit Wissen vermeidbare Gefahrensituationen eingegangen, sowie auch auf für die Säuglingsernährung relevante Punkte wie Vitamine, Eisen, Kuhmilch. Ist der Anfang einmal gemacht und kann das Kind besser zugreifen, so finden sich zahlreiche Inspirationen zu einzelnen Mahlzeiten: ob Frühstück, Mittag-, Abendessen, Snack für daheim oder unterwegs, bei knapp einem dutzend grober Ideen pro Mahlzeit findet jeder problemlos einen gesunden, vollwertigen Vorschlag, welcher sich in die eigenen Familiengewohnheiten einbauen lässt.

Anregungen und Bestärkung bieten die an dieser Stelle eingefügten farbigen Seiten. Anhand von Bildern lässt sich der Verlauf von Beikost am Beispiel mehrerer Babys im Alter von 6 Monaten bis ca. 1,5 Jahren chronologisch nachvollziehen: von den ersten Versuchen, zum zunehmend sicheren Umgang mit verschiedenen Speisen in verschiedenen Größen und Konsistenzen, wie auch Besteck. Und die Freude der abgebildeten Babys beim Explorieren und Einfachheit der Umsetzung, daheim wie auch auswärts, macht wirklich Lust, BLW selber auszuprobieren!

Um auch als Mama „stressfrei“ zu bleiben, betont Rapley mehrfach, dass es quasi nichts gibt (mit Ausnahme einzelner Dinge, welche U1 einfach prinzipiell tabu sind), wovon ein Baby nicht probieren könnte. Wir müssen unserem Baby einfach nur lernen zu vertrauen – etwas, was für ganz viele Mamas anfangs vielleicht die größte Hürde bei BLW ist, wenn ihr Baby würgt und hustet, bis es sich plötzlich nach wenigen Mahlzeiten von selber einspielt und das Kind einem genau zeigt, wann es Hunger hat, und wann es satt ist bzw. worauf es Appetit hat.

Was ich persönlich ja an BLW schätze, ist der nicht vorhandene Druck, dass ein Baby eine „Mahlzeit ersetzen muss“. Ist ein Baby mal über den Tag verteilt mehr und möchte danach keine Milch mehr ist es ebenso okay, wie wenn es einmal einen Tag nur seine Milch trinken will, unabhängig ob 6 Monate oder 1 Jahr.  In schubartigen Phasen wird es mal intensiver explorieren, mal intensiver essen wollen, ganz nach individuellem Charakter und Bedarf. Es sollte nur regelmäßig am Tag ab Beikostbeginn ein ausgewogenes Beikostangebot erhalten (also öfters als 1x am Tag, etwas worin sich Brei und BLW beim Start unterscheiden!), quasi wenn wir 2-3x auch essen bis zu 5-6x am Tag um den 1. Geburtstag hin. Irgendwann wird auf diese Weise das Baby sich selber abstillen, wenngleich dies meist erst nach dem 1. Geburtstag zu erwarten ist.

„Viele Eltern fühlen sich dazu gedrängt, bei ihrem Kind die Milchmengen zu reduzieren, damit es auf die feste Nahrung angewiesen ist. Doch Eile ist hier fehl am Platz. Zwischen sechsten und neuntem Monat sollte die Menge an Muttermilch oder Milchnahrung in etwa unverändert bleiben, während parallel dazu immer mehr feste Nahrung hinzukommt. Erst etwa ab dem neunten Monat wird die Milchmenge langsam reduziert und die Umstellung auf Normalkost beginnt. Darf das Baby selbst bestimmen, wann dieser Prozess beginnen und wie schnell er voranschreiten soll, kann es seinen ganz natürlichen, ihm gemäßen Weg hin zu mehr fester Nahrung und immer weniger Milch gehen.“ (Rapley, p. 56)

Denn: BLW ist wirklich der „stressfreie Beikostweg“. Kommt Zeit, kommt Abstillen, kommt Zeit, kommen auch Tischmanieren! Wir als Familie sind unserem Kind im Alltag Vorbild, begleiten es auf seiner Entdeckungs- & Lernreise als Co-Piloten, während unser Baby das Tempo vorgibt.

Und noch einen Vorteil hat BLW als Ansatz: Nicht nur Baby wird sich gesund ernähren, auch von uns erfordert das Konzept eine Auseinandersetzung mit eigenen Ernährungsgewohnheiten. Denn Junk Food, Fast Food und einseitige Ernährungsweisen sind auch für Erwachsene einfach nicht die optimale Nährstoffquelle. Somit ernährt sich meist dank BLW die ganze Familie deutlich bewusster und gesünder; auch Zutaten und Herkunft einzelner Lebensmittel werden mehr Beachtung finden, wie wenn für ein Baby ein extra Menü gekocht oder Breigläschen gekauft wird. Als Hilfestellung präsentiert Rapley hier nicht nur eine grobe Übersicht in die Prinzipien einer gesunden Ernährung, sondern gibt uns eine hilfreiche, einfache Ressource an die Hand: Die Hände-Regel. Die Portionsmenge richtet sich hierbei nicht nach einer Grammanzahl wie bei Brei, sondern nach der Größe der Hand: Eine Babyhand ist entsprechend kleiner, als die eines Kindergartenkindes oder auch eines Erwachsenen. Auch wenn diese Regel zur ungefähren Mengenorientierung erst ab 1 Jahr relevanter wird, hilft sie nicht nur bei den Familientisch ausgewogener und bewusster zu gestalten, sondern schützt auch vor übersteigenden Erwartungen hinsichtlich der vom Baby/Kleinkind benötigten Essmenge!

Welche Haken hat das Buch nun? Eigentlich keine – alle Themen von A bis Z werden abgedeckt. Phasenweise könnten jedoch die in fast allen Kapiteln beigefügten Q&A-Abschnitte, bei welcher gängige Elternfragen zu BLW ihre Antworten erhalten, langatmig erscheinen, da der Inhalt sich immer wieder ähnelt. Auch könnten Flascheneltern das Gefühl haben, für ihre Situation etwas zu kurz zu kommen – nur am Rande geht Gil Rapley auf die Situation Baby Le Weaning mit Flasche ein, wenngleich eins das andere nicht ausschließt!

Für wen ist das Buch nicht geeignet? Prinzipiell kann jeder viel wertvolles daraus lernen. Wer jedoch für sich ein hohes Bedürfnis nach Kontrolle hat, wieviel sein Baby täglich und pro Mahlzeit in Gramm/Milliliter zu sich nimmt oder der darauf abzielt sein Baby vor/mit dem 1. Geburtstag ohne wenn und aber komplett abzustillen (auch ohne alternative Flaschennahrung), der wird sich vielleicht mit dem klassischen Breifahrplan und dem gezielten Ersetzen wohler fühlen.

Mein Fazit zum Baby-Led Weaning Grundlagenbuch von Gill Rapley

Ich kann das Buch wirklich nur jedem, der Baby Led Weaning als Konzept umsetzen möchte, schwer ans Herz legen. Es ist einfach weiterhin bis heute das umfassendste Buch zum Thema am Markt und schlichtweg das „Original“. Keine Frage bleibt unbeantwortet, um sicher und zuversichtlich mit Beikost starten zu können.

Leider wird Baby-Led Weaning bis heute in Fachkreisen sehr skeptisch betrachtet, und Brei mit Fingerfood als Optimum propagiert – auch nicht ganz unberechtigt: denn bei ungenügender Vorbereitung bzw. suboptimalem Nährstoffangebot- & -Auswahl hat BLW natürlich wie jede falsche Ernährungsweise Risiken einer Mangelernährung, und noch dazu in einer für Babys Entwicklung sensiblen Zeit. Verteidigend muss hier aber angemerkt werden, dass auch bei Babybrei eine korrekte Ernährung der Familie früher oder später unerlässlich ist, wenngleich auch zeitverzögert. Darum ist es sinnvoll sich vor Beikostbeginn unabhängig vom familiär bevorzugten Konzept der Einführuallgemein mit dem Thema Ernährung bzw. den aktuellen Richtlinien zur Beikostzusammensetzung/Säuglings- & Kleinkindernährung (z.B. REVAN) auseinanderzusetzen. Immerhin heißt es: die Ernährung der ersten 1000 Lebenstage unseres Kindes ist ausschlaggebend für seine Zukunft, stellt also die Basis für sein gesamtes weiteres Lebens!

Vom Stillen nach Bedarf  (wenngleich auch eine Flaschengabe BLW nicht ausschließt!), über Co-Sleeping, Tragen kommen die meisten Familien, welche Attachment Parenting leben, bzw. das artgerecht-Konzept für sich gefunden haben, beinahe automatisch an den Punkt, an dem sie an Breifahrplänen zu zweifeln beginnen und nach Alternativen suchen, welche ihrem Bild von Kind eher entgegenkommt. Für uns war das Buch quasi eine innere „Erlösung“ vom bereits weit vor Beikostbeginn bereits negativ und stressig empfundenen Babybreikonzept. Und auch wenn uns BLW persönlich keine heikle Kleinkindzeit erspart hat, so waren die ersten Jahre esstechnisch trotzdem ausgesprochen entspannt – auch über die Babyzeit hinaus. Wir für uns haben Baby-Led Weaning, auch dank des Grundlagenbuchs vor 2,5 Jahren lieben gelernt und sind seither, wie viele andere Eltern, überzeugt davon, dass es auch praktisch ohne Babybrei und Füttern geht!

BabyLed Weaning Gill Rapley

Cover Baby-Led Weaning. Das Grundlagenbuch. (c) Kösel Verlag

Details zum Buch:

Gill Rapley, Tracey Murkett:
Baby-led Weaning - Das Grundlagenbuch.

ISBN/EAN: 978-3466345908
Sprache: Deutsch
Umfang: 256 Seiten, 14.4 x 2.5 x 21.6 cm 
Preis: € 19,99 
Erschienen am 30.9.2013 im Kösel-Verlag; 5. Auflage

(Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise für die Rezension zur Verfügung gestellt, die dargestellte Meinung spiegelt meine persönlichen Eindrücke wider.)

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